Wenn die Selbststeuerung versagt: Warum du nicht so reagierst, wie du willst
Ein Fall aus der Praxis
Eine berufserfahrene Klientin beschreibt im Coaching eine Szene, die sie seit Jahren beschäftigt:
In einer Besprechung ist sie fachlich gut vorbereitet, kennt das Thema genau. Als sie ihren Standpunkt erläutern möchte, wirft ein Kollege ein: „Ich verstehe Ihre Argumentation nicht ganz – das klingt für mich eher nach Bauchgefühl als nach Strategie.“
Ihre Reaktion: „In mir hat sich etwas zusammengezogen. Ich wusste, was ich sagen sollte – aber ich konnte es nicht abrufen. Ich war wie blockiert. Und dieses Gefühl hat mich tagelang beschäftigt. Wieso schwächle ich im entscheidenden Moment?“
Kennst du solche Momente?
Situationen, in denen du eigentlich klar auftreten könntest – aber innerlich plötzlich den Zugriff auf deine Souveränität verlierst?
In diesem Artikel zeige ich dir, was in solchen Momenten im Körper und Nervensystem passiert – und warum das nichts mit persönlicher Schwäche zu tun hat.
Warum der Verlust von Selbststeuerung so irritierend ist
Im Beruf bist du es gewohnt, klar zu denken, Verantwortung zu übernehmen und auch in komplexen Situationen souverän zu handeln.
Gerade deshalb trifft es dich umso stärker, wenn du in einem entscheidenden Moment plötzlich das Gefühl hast, innerlich den Zugriff auf deine Fähigkeiten zu verlieren – obwohl du inhaltlich gut vorbereitet bist.
Solche Situationen wirken oft harmlos. Es gibt keinen lauten Streit, kein offensichtliches Drama.
Aber ein einziger Halbsatz, ein Tonfall oder ein skeptischer Blick können reichen, um dich innerlich aus dem Tritt zu bringen.
Du spürst: Etwas in dir reagiert stark – aber du kannst es weder stoppen noch sofort einordnen.
Nach außen bleibst du vielleicht ruhig. Doch innerlich verlierst du den Faden, wirst unsicher, blockiert.
Und genau das ist so irritierend: Du bist da – und gleichzeitig nicht mehr ganz bei dir.
Was beim Verlust der Selbststeuerung im Körper passiert
1 Der Auslöser
Oft ist es nicht der Inhalt, sondern die Art, wie etwas gesagt wird: ein impliziter Vorwurf, eine Irritation im Blickkontakt, ein entwertender Ton.
Das Gehirn stuft diese Signale als potenziell bedrohlich ein – das Stresssystem wird aktiviert.
2 Die Stressreaktion
Die Amygdala – Teil des limbischen Systems – übernimmt in Sekundenbruchteilen die Bewertung. Sie schlägt Alarm, noch bevor dein bewusster Verstand die Situation einordnen kann.
🔸 Das autonome Nervensystem schaltet in den Schutzmodus: Kampf, Flucht oder Erstarrung.
🔸 Gleichzeitig wird der präfrontale Kortex – zuständig für Reflexion, Sprache und bewusste Entscheidungen – gehemmt.
🔸Du bist äußerlich vielleicht ruhig, aber innerlich blockiert. Der Zugriff auf Sprache, Klarheit und Argumentation ist reduziert.
Verlust der inneren Steuerung
In einem Stressmoment übernimmt das autonome Schutzsystem.
Dein Nervensystem schaltet vom reflektierten Reagieren auf automatische Muster um.
Außen bleibt alles ruhig – innen bist du blockiert und wirst vielleicht von starken Emotionen überwältigt.
3 Die Nachwirkung
Solche Erlebnisse wirken oft lange nach – nicht, weil du sie dramatisierst, sondern weil sie emotional unaufgelöst bleiben.
Typische Reaktionen sind:
- Grübeln („Warum konnte ich nicht reagieren?“)
- Selbstkritik („Was stimmt nicht mit mir?“)
- Innere Unruhe, Schlafprobleme oder Scham
Warum ein Verlust von Selbststeuerung keine Schwäche ist
Gerade reflektierte, berufserfahrene Menschen empfinden solche Momente als zutiefst verunsichernd.
Sie erkennen sich selbst nicht wieder – weil sie gewohnt sind, auch in schwierigen Situationen die Kontrolle zu behalten.
Schnell entsteht der Gedanke: „Ich hätte mich doch mehr im Griff haben müssen.“
Aber genau hier liegt der Irrtum:
Es geht nicht um mangelnde Willenskraft. Es geht um ein Schutzprogramm deines Nervensystems unter Stress.
Und: Du kannst lernen, damit anders umzugehen.
Diese Reaktion stammt aus einem vergangenen Programm und war einmal hilfreich. Vielleicht hast du früher gelernt, dich zurückzuziehen, still zu bleiben oder dich blitzschnell anzupassen – weil es damals wichtig war, dich innerlich zu schützen.
Doch heute, in beruflichen oder sozialen Situationen, blockiert dich genau dieses Muster.
Nicht, weil du zu wenig kannst. Sondern weil dich dein System auf alte Weise schützt – und dabei verhindert, dass du im Jetzt handlungsfähig bleibst.
👉 Erkennen und regulieren: Das ist der Schlüssel – nicht mehr Druck oder mehr Disziplin.
Selbststeuerung zurückgewinnen – der Weg zur inneren Handlungsfähigkeit
Hier beginnt der entscheidende Schritt: Selbstregulation.
Das ist die Fähigkeit, in herausfordernden Momenten, also unter Stress, wieder mit dir selbst in Kontakt zu kommen – und handlungsfähig zu bleiben.
Konkret heißt das:
- Du nimmst innere Reaktionen frühzeitig wahr.
- Du beeinflusst deine körperlichen und emotionalen Zustände aktiv.
- Und du kannst in der Situation wieder bewusst reagieren – auch wenn es gerade schwerfällt.
Das hat nichts mit reiner Willenskraft zu tun.
Selbstregulation ist kein disziplinbasiertes „Zusammenreißen“, sondern ein trainierbarer Prozess:
Ein Zusammenspiel aus Selbstwahrnehmung, neurobiologischer Beruhigung und innerer Klärung.
Wenn du die Grundlagen dieser Fähigkeit besser verstehen möchtest, findest du in meinem ausführlichen Artikel
➡️” Selbstregulation: Wie du deine Gedanken, Emotionen und deinen Körper steuerst”
eine fundierte Einführung – gegliedert in die drei Ebenen: kognitiv, emotional und körperlich.
Erste Schritte zur Veränderung
Veränderung beginnt damit, genauer hinzuschauen:
👉 Was passiert in diesen Momenten? Was löst sie aus – und wie wirken sie in dir nach?
Reflexionsfragen für deinen Einstieg:
- In welchen Situationen verlierst du den Kontakt zu dir selbst und kommst innerlich aus dem Gleichgewicht?
- Welche körperlichen Reaktionen nimmst du als Erstes wahr?
- Welche inneren Sätze tauchen auf – z. B.: „Ich werde nicht ernst genommen.“ „Ich darf keinen Fehler machen.“
Fazit: Selbststeuerung ist trainierbar
Wenn du in schwierigen Situationen nicht so reagieren kannst, wie du es eigentlich möchtest, liegt das nicht an mangelnder Kompetenz.
Sondern daran, dass dein Nervensystem in alte Schutzreaktionen schaltet – automatisch, blitzschnell, gut gemeint.
Selbststeuerung ist kein angeborenes Talent.
Es ist eine Fähigkeit, die du trainieren kannst.
Mit gezielter Aufmerksamkeit, achtsamer Selbstwahrnehmung und praktischer Übung lernst du Schritt für Schritt, auch in herausfordernden Situationen bei dir zu bleiben und bewusst zu reagieren.
Und genau darin liegt echte innere Stärke:
nicht perfekt zu funktionieren, sondern dich selbst führen zu können – auch dann, wenn es schwierig wird.

Marion Wandke
Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.
Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.