Was bedeutet gesunde Verantwortung?
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen, die erschöpft und ausgelaugt sind. Sie haben das Gefühl, dass sie dauerhaft unter Druck stehen und innerlich nicht zur Ruhe kommen. Und sie erleben auch oft Ärger oder Frustration in ihren Beziehungen.
Wenn wir gemeinsam nach den Ursachen suchen, sagen viele: „Es stehen einfach 1000 Dinge am Tag auf meiner ToDo-Liste.“
Wenn ich sie dann frage, ob sie vielleicht zu oft Ja sagen und zu viel Verantwortung übernehmen, ist das meistens genau der Punkt.
Also das Thema Überverantwortung.
Überverantwortung ist real. Nur: Wo liegt die Grenze zwischen gesunder Verantwortung und wann kann man von Überverantwortung sprechen?
Lass uns also erstmal das Thema Verantwortung näher ansehen.
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Warum es Sinn macht, zuerst über Verantwortung zu sprechen
Verantwortung ist ein Wort, das viel Gewicht hat. Es steht für Verlässlichkeit, für Gestaltungswillen und für Ernsthaftigkeit. Wer Verantwortung übernimmt, kann etwas bewirken. Wer Verantwortung trägt, gehört dazu – zu einem Team, zu einer Familie oder auch zu etwas Größerem. Das hat Bedeutung.
Für viele Menschen ist Verantwortung deshalb nicht nur eine Aufgabe, sondern auch ein Wert. Sie gibt Orientierung und schafft Sinn.
Und sie macht auch sichtbar: Ich trage meinen Teil bei und ich gehöre dazu.
Und doch wird Verantwortung erstaunlich selten richtig geklärt. Wir sprechen von „Verantwortung übernehmen“, von „verantwortlich sein“.
Aber was genau meinen wir damit? Wofür bin ich zuständig? Und wo endet meine Verantwortung?
Wer unter Überverantwortung leidet, hat meist keine „zu große“ Verantwortung. Er trägt Verantwortung, die durch ein psychologisches Muster entsteht und nicht durch bewusste Entscheidung.
Dieses Muster funktioniert wie ein Automatismus:
Ich sehe etwas → ich fühle mich zuständig → ich handle.
Die eigentlich notwendigen Fragen dazwischen werden nicht gestellt. Das Muster überspringt sie einfach.
Aber was wären denn die notwendigen Fragen?
Dazu müssen wir klären, was Verantwortung überhaupt bedeutet.
Verantwortungsgefühl ist kein verlässlicher Kompass
Vielleicht kennst du das auch, dass sich Verantwortung wie ein innerer Druck anfühlt. Als ein Gefühl von: Ich muss das tun. Es wird von mir erwartet. Wenn ich es nicht tue, passiert etwas Unangenehmes, zum Beispiel andere sind enttäuscht oder verärgert.
Dieses Gefühl ist real und kann ziemlich wuchtig sein. Dann ist es leichter, „zu funktionieren“ als sich dem entgegenzustellen.
Oder Verantwortung fühlt sich richtig gut an. Du fühlst dich dadurch wirksam und nützlich.
Aber genau hier liegt eine Verwechslung, die schwer zu durchschauen ist:
Verantwortungsgefühl ist nicht dasselbe wie echte Verantwortung.
Verantwortungsgefühl kann auch dort entstehen, wo es keine begründete Verantwortung gibt. Es entsteht durch Mitgefühl, durch früh geprägte Muster und durch soziale Erwartungen.
Das heißt, das Gefühl alleine ist kein verlässlicher Kompass.
Hier hilft es, sich einmal sehr reflektiert mit dem Thema Verantwortung auseinanderzusetzen.
Verantwortung braucht Einfluss
Verantwortung setzt voraus, dass ich realen Einfluss auf das Geschehen habe. Ohne Einfluss kann ich keine Verantwortung tragen. Punkt.
Wir Menschen übernehmen laufend Verantwortung für Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben.
Verantwortung für …
Und dann entsteht eine der belastendsten psychischen Konstellationen: Verantwortung ohne Gestaltungsmöglichkeit.
Einfluss ist dabei nicht gleich Kontrolle. Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Einfluss bedeutet auch: dürfen und können
Einfluss bedeutet nicht:
Die innere Prüffrage lautet:
Kann ich hier tatsächlich etwas gestalten oder trage ich nur die Last, ohne Einfluss zu haben?
Verantwortung ohne Einfluss führt nicht zu Gestaltung, sondern zu Ohnmacht.
Und Ohnmacht, die mit Verantwortungsgefühl verbunden ist, erzeugt chronische innere Spannung, Selbstzweifel und Erschöpfung.
Denn ich spüre: Ich sollte etwas tun aber ich kann nichts bewirken.
Ich halte es für entscheidend, dass Menschen sich erlauben, diese Frage zu stellen: Habe ich hier wirklich Einfluss?
Denn oft wird Verantwortung dort übernommen, wo gar keine Gestaltungsmöglichkeit besteht.
Und das ist nicht Engagement, sondern Selbstüberforderung.
Mitgefühl, Mitleid und Zuständigkeit – eine notwendige Unterscheidung
Menschen mit ausgeprägtem Mitgefühl oder hoher Kompetenz spüren oft: „Ich sehe etwas – also muss ich mich darum kümmern.“
Das ist ein psychologischer Automatismus, aber kein logischer Schluss.
Mitgefühl
Mitgefühl bedeutet: Ich nehme wahr, was jemand braucht oder was schwierig ist. Das ist wertvoll und wichtig.
Ich kann etwas sehen, ohne dass es sofort meines wird. Mitgefühl schärft die Wahrnehmung und ermöglicht Verbindung, aber ohne dass ich mich selbst dabei verliere.
Mitleid
Mitleid bedeutet: Das Leid des anderen wird zu meinem eigenen. Abgrenzung gelingt dann nicht mehr.
Wo Mitleid entsteht, verschmelzen die Grenzen. Ich spüre nicht mehr: Das ist dein Schmerz, das ist meiner.
Zuständigkeit
Zuständigkeit bedeutet: Ich habe einen definierten Aufgabenbereich, der begründet ist durch eine Vereinbarung, eine Position, einen Auftrag oder eine übernommene Rolle.
Übrigens: Hier meine ich nicht dieses nervige „Dafür bin ich nicht zuständig“, das mir oft in Unternehmen begegnet. Ich kann ja durchaus nicht zuständig sein, die anfragende Person aber trotzdem freundlich an die richtige Stelle weiterleiten oder das Anliegen aufnehmen und weitergeben.
Dieses „Ich sehe etwas“ zu „Ich muss mich darum kümmern“ geschieht oft automatisch, ohne dass wir es merken.
Wer überall, wo Mitgefühl entsteht, sofort zum Kümmerer wird, handelt ohne Begrenzung. Das führt zu Erschöpfung, denn die ToDo-Liste wird immer länger und irgendwann sind die eigenen Ressourcen aufgebraucht
Mitgefühl ist eine Stärke. Aber es wird zur Belastung, wenn es automatisch in Verantwortung (im Sinne von ‚Darum kümmern‘) übersetzt wird.
Ich denke, dass es wichtig ist, sich selbst zu erlauben zu fragen: Bin ich hier wirklich zuständig oder fühle ich mich nur verantwortlich, weil ich es sehe? Mitgefühl macht Lücken oder Unterstützungsbedarf sichtbar. Aber es macht dich nicht automatisch dafür zuständig.
Diese Unterscheidung ist kein Egoismus oder emotionale Kälte, sondern Klarheit.
Verantwortung und Schuldgefühl – ein unterschätzter Zusammenhang
Viele Menschen übernehmen Verantwortung nicht, weil sie etwas gestalten wollen. Sie tun es, weil sie sich sonst schuldig fühlen würden.
Die unbewusste Logik dahinter läuft so ab: Wenn ich es nicht tue, könnte etwas schiefgehen. Dann wäre es meine Schuld. Also muss ich es tun.
Das ist kein bewusster Gedankengang. Es ist eine innere Logik, die sich oft schon in der Kindheit gebildet hat und sehr wirkmächtig ist.
Handeln aus Schuldvermeidung ist nicht frei gewählt.
Es ist reaktiv. Ich handle nicht, weil ich gestalten will, sondern weil ich Schuld vermeiden will. Und das macht einen entscheidenden Unterschied.
Wer aus Schuldvermeidung handelt, kann keine klare Grenze ziehen. Es gibt keinen Punkt, an dem ich sagen kann: Hier endet mein Verantwortungsbereich. Denn solange theoretisch noch etwas schiefgehen könnte, bleibt das Schuldgefühl.
Menschen, die so handeln, können nie genug tun. Sie handeln nicht, bis etwas geschafft ist. Sie handeln, bis die Angst vor Schuld nachlässt. Und das ist ein Zustand, der selten erreicht wird.
Die Alternative ist Verantwortung, die aus Gestaltungswillen entsteht. Sie ist klar begrenzt. Sie orientiert sich nicht daran, was alles passieren könnte, sondern daran, was zu meinem Einflussbereich gehört.
Ich halte es für zentral, dass wir uns fragen: Übernehme ich Verantwortung, weil ich gestalten will? Oder weil ich befürchte, mich sonst schuldig zu fühlen?
Das ist keine Kleinigkeit. Es macht den Unterschied zwischen tragbarer und erschöpfender Verantwortung.
Schuldgefühle sind ein starkes Motiv. Aber sie sind kein guter Ratgeber für Verantwortung. Wer handelt, um Schuldgefühle zu vermeiden, handelt nie freiwillig und deshalb auch nie begrenzt.
Fünf Formen der Verantwortung
Verantwortung ist nicht schwarz-weiß. Es gibt verschiedene Formen und Grade, je nach Situation, Kontext und eigenem Einfluss.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Bin ich verantwortlich? Sondern: Welche Form von Verantwortung ist hier angemessen?
Im Folgenden beschreibe ich fünf Formen, die unterschiedliche Weisen des Umgangs mit Verantwortung abbilden. Dabei geht es nicht um eine starre Abfolge, sondern um Orientierungspunkte.
Die meisten Menschen bewegen sich je nach Kontext zwischen diesen Formen – und genau das macht es wichtig, sich immer wieder zu verorten.
Nicht als Selbstoptimierung, sondern als Orientierung.
1. Keine Verantwortung
Ich trage keine Verantwortung und das ist in vielen Situationen angemessen und richtig.
Ich bin nicht verantwortlich für die Stimmung anderer, für Konflikte, an denen ich nicht beteiligt bin, oder für Entscheidungen erwachsener Menschen in meinem Umfeld.
Ich bin nicht verantwortlich für Dinge, auf die ich keinen Einfluss habe oder die mich schlicht nichts angehen.
Das bedeutet: Ich muss mich nicht darum kümmern.
Natürlich darf ich mich einbringen, aus Mitgefühl oder weil ich es möchte. Aber dann als Angebot, nicht als Einmischung.
Als freie Wahl, nicht aus Pflichtgefühl.
Reflexionsfrage: Trage ich hier faktisch Verantwortung oder fühle ich mich nur verantwortlich?
2. Situative Verantwortung
Ich übernehme Verantwortung in bestimmten Situationen, aber nicht dauerhaft.
Ich helfe jemandem, der gestürzt ist. Ich trage in diesem Moment Verantwortung, aber nicht darüber hinaus. Ich greife ein, wenn ich etwas sehe, aber ich übernehme nicht die langfristige Zuständigkeit.
Das Merkmal situativer Verantwortung ist: Sie ist zeitlich begrenzt. Sie endet mit der Situation.
Die Falle beim Muster Überverantwortung:
Wer zu Überverantwortung neigt, macht aus einmaliger Hilfe oft eine dauerhafte Zuständigkeit.
Reflexionsfrage: Ist das eine einmalige Situation oder habe ich stillschweigend eine Dauerzuständigkeit übernommen?
3. Geteilte Verantwortung
Ich trage Verantwortung gemeinsam mit anderen. Teamprojekte, Elternschaft, gemeinsame Haushaltsführung – hier ist Verantwortung verteilt.
Das Merkmal geteilter Verantwortung ist: Sie muss ausgehandelt werden. Es braucht Klärung, wer wofür zuständig ist und diese Klärung verändert sich mit den Umständen.
Geteilte Verantwortung funktioniert nur, wenn jeder seinen Teil beiträgt und ich meinen Teil nicht mit dem der anderen verwechsle.
Die Falle beim Muster Überverantwortung:
Ich übernehme den Teil der anderen mit, statt ihn bei ihnen zu lassen. Statt einzufordern, dass jeder seinen Teil beiträgt, werde ich zum alleinigen Kümmerer.
Reflexionsfrage: Tragen alle ihren Teil oder übernehme ich stillschweigend auch den Teil der anderen?
4. Bewusste persönliche Verantwortung
Ich übernehme Verantwortung bewusst und aus eigenem Entschluss. Ich führe ein Projekt, ich übernehme eine Rolle, ich setze eine Grenze.
Das Merkmal bewusster persönlicher Verantwortung ist: Sie ist klar umrissen, freiwillig und mit dem erforderlichen Einfluss verbunden.
Ich weiß, wofür ich zuständig bin. Ich habe die Mittel, um zu handeln. Und ich habe mich bewusst dafür entschieden.
Wichtig: Bewusst übernommen bedeutet nicht „für immer festgelegt“. Verantwortung kann sich verändern. Weil sich Umstände ändern, weil der Umfang größer wird als gedacht oder weil sich die eigene Ressourcen verändern.
Gesunde Verantwortung kann hinterfragt, angepasst oder auch wieder abgegeben werden, wenn das nötig ist.
Die Falle beim Muster Überverantwortung:
Wer zu Überverantwortung neigt, denkt oft: „Ich übernehme das bewusst“. Weil es sich richtig anfühlt. Tatsächlich aber reagiert das Nervensystem automatisch, bevor eine bewusste Entscheidung möglich wäre.
Der Unterschied liegt nicht in der Motivation, sondern in der Freiheit:
Bewusste Verantwortung: Ich kann Grenzen setzen, wenn es zu viel wird.
Reaktive Verantwortung: Ich kann nicht aufhören, auch wenn es mich überfordert.
Reflexionsfrage: Kann ich diese Verantwortung reduzieren, wenn sie zu viel wird oder muss ich weitermachen, weil ich mich verpflichtet fühle?
5. Überdehnte Verantwortung (Überverantwortung)
Ich übernehme Verantwortung jenseits meines Einflussbereichs oder jenseits dessen, was zu mir gehört.
Ich fühle mich verantwortlich für die Stimmung anderer, für Dinge, die ich nicht beeinflussen kann oder für Ergebnisse, die nicht in meiner Hand liegen.
Das Merkmal überdehnter Verantwortung ist: Sie ist diffus, erschöpfend und ohne klare Grenze. Ich kann nicht sagen, wann ich genug getan habe, weil die Verantwortung keine klare Grenze hat.
Das ist Überverantwortung.
Reflexionsfrage: Wo übernehme ich Verantwortung, obwohl ich keinen Einfluss habe?
👉🏻Hier geht’s zum Blogbeitrag: 10 Anzeichen, dass du dich zu stark für andere verantwortlich fühlst
Diese fünf Formen helfen zu erkennen, wo gesunde Verantwortung endet und wo Überverantwortung beginnt.
Du kannst damit konkrete Situationen einordnen.
Verantwortung und die Entwicklung anderer
Zu viel übernommene Verantwortung nimmt dem anderen die Möglichkeit, selbstständig zu werden. Wer alles regelt, nimmt den Raum für Selbstwirksamkeit.
Der Unterschied: Unterstütze ich dich – oder übernehme ich die Führung?
Wenn ich unterstütze, schaffe ich einen Rahmen, in dem der andere selbst handeln kann.
Wenn ich die Führung übernehme, nehme ich dem anderen die Erfahrung, selbst wirksam zu sein.
Verantwortung endet nicht dort, wo ich erschöpft bin. Sie endet dort, wo sie die Entwicklung eines anderen blockiert. Und das ist manchmal früher, als es sich gut anfühlt.
Verantwortung in asymmetrischen Beziehungen
Verantwortung verändert sich im Laufe des Lebens, wenn Kinder erwachsen und wenn Eltern alt werden.
Verantwortung bei Kindern
Kinder können zunächst keine Verantwortung für sich übernehmen, das ist entwicklungsbedingt. Erwachsene tragen deshalb stellvertretende Verantwortung und das ist notwendig.
Aber: Diese Verantwortung muss sich mit der Entwicklung des Kindes verändern. Entwicklung entsteht dort, wo Verantwortung schrittweise übergeben wird und wo Erwachsene aushalten, dass es nicht perfekt funktioniert.
Wer zu lange stellvertretend handelt, verhindert, dass das Kind selbstständig wird.
Verantwortung für Kinder bedeutet, schrittweise weniger zu tun. Und das erfordert oft mehr innere Klarheit als das Tun selbst.
Verantwortung bei alten oder erkrankten Eltern
Mit zunehmender Einschränkung kann Verantwortung wieder notwendig werden, und zwar in die andere Richtung.
Aber auch hier besteht die Gefahr der Entmündigung. Denn Verantwortung, die nicht mehr gemeinsam gestaltet wird, wird zur Fremdbestimmung.
Gesunde Verantwortung ist auch hier verhandelbar und achtet Würde und Autonomie.
Sie fragt nicht nur: Was muss ich tun? Sondern auch: Was kann der andere noch selbst entscheiden oder machen?
Die zentrale Leitidee: Verantwortung muss sich mit der Fähigkeit zur Selbstverantwortung verändern – in beide Richtungen.
Viele Konflikte in Familien entstehen nicht, weil zu viel oder zu wenig getan wird, sondern weil Verantwortung an einem Punkt stehen bleibt, der längst überholt ist.
Verantwortung, die nicht mitwächst, wird zur Fessel und zwar für beide Seiten.
Verantwortung in Organisationen und Systemen
In Organisationen wird viel über Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und Sinnorientierung gesprochen. Das setzt aber voraus, dass Menschen auch die Mittel haben, um tatsächlich zu gestalten.
Was oft fehlt: Entscheidungsbefugnisse, Ressourcen und Handlungsspielräume.
Die zentrale Unterscheidung lautet:
Echte Verantwortung = Aufgabe + Entscheidung + Mittel
Formale Verantwortung = Aufgabe wird zugewiesen, Entscheidungsbefugnis und/oder Ressourcen bleiben aus
Verantwortung ohne Entscheidungsrechte erzeugt innere Spannung, Selbstzweifel und Erschöpfung. Das ist kein Problem der individuellen Resilienz, sondern eine strukturelle Unwucht.
Die Prüffrage lautet: Habe ich die Mittel, um die Verantwortung tatsächlich zu tragen?
Wenn nein: Das ist nicht mein Unvermögen, sondern ein strukturelles Problem.
Wenn Menschen sich erschöpfen, weil sie Verantwortung tragen sollen, ohne die Rahmenbedingungen dafür zu haben, wird das oft als „mangelnde Resilienz“ oder „schlechtes Selbstmanagement“ umgedeutet. Aber es ist keine individuelle Schwäche, sondern systemische Überforderung.
Verantwortung ohne Mittel ist keine Wertschätzung. Sie ist eine Zumutung.
Und sie erschöpft nicht, weil zu wenig getan wird, sondern weil zu viel verlangt wird, ohne dass es tragbar gemacht wird.
Verantwortungsdiffusion
Neben Überverantwortung existiert auch Verantwortungsdiffusion.
Wenn Verantwortung „überall“ ist, fühlt sich niemand konkret zuständig. In Teams: „Das macht schon jemand.“ In Familien: „Wird sich schon jemand drum kümmern.“
Die Folge: Verantwortung landet dort, wo Menschen sie nicht zurückweisen können oder wollen, oft bei den Engagierten, den Gewissenhaften und den Mitfühlenden.
Das ist eine systemische Dynamik: Verantwortungsdiffusion erzeugt Überlast bei Einzelnen. Nicht weil diese zu viel tun wollen, sondern weil andere zu wenig übernehmen.
Gesunde Verantwortung braucht klare Zuständigkeiten, begrenzte Verantwortungsräume und geteilte Verantwortung dort, wo sie sinnvoll ist.
Überverantwortung ist ein psychologisches Muster. Verantwortungsdiffusion im System ist der Kontext, in dem es aktiviert wird: Wer die Lücke spürt, springt hinein.
Deshalb braucht es beides: Arbeit am eigenen Muster und Klärung im System.
Wer immer die Verantwortung übernimmt, entlastet das System. Und überlastet sich selbst. Das ist nicht Engagement, sondern hält ein dysfunktionales System aufrecht.
👉 Hier geht’s zum Blogbeitrag: Resilienz und resiliente Organisation – mehr als ein persönliches Thema
Selbstverantwortung und ihre Grenzen
Selbstverantwortung ist ein zentraler Wert moderner Gesellschaften. Sie bedeutet: Ich gestalte mein Leben, ich treffe Entscheidungen und ich trage die Folgen. Wo das möglich ist, erlebe ich mich als wirksam und selbstbestimmt.
Aber: Problematisch wird Selbstverantwortung dort, wo sie zur Selbstbeschuldigung für Dinge wird, die ich nicht vollständig kontrollieren kann.
Der Begriff Responsibilisierung beschreibt diese Verschiebung: Verantwortung wird individualisiert, auch dort, wo viele Faktoren zusammenwirken, die nicht in meiner Hand liegen.
Das zeigt sich etwa:
Bei Gesundheit
Wenn jemand erkrankt und sich vorwirft: „Ich habe nicht gesund genug gelebt, nicht genug meditiert oder meine Emotionen nicht gut genug reguliert.“
Gesundheit hat viele Faktoren – Genetik, Umwelt, Zufall. Nicht alles ist Lebensstil.
Bei Beziehungen
Wenn eine Beziehung scheitert und jemand denkt: „Ich habe nicht genug kommuniziert oder nicht genug an meinen Mustern gearbeitet.“
Beziehungen brauchen zwei Menschen, die für die Beziehung Verantwortung übernehmen. Nicht alles liegt an dir.
Bei Erschöpfung
Wenn jemand sich erschöpft fühlt und denkt: „Ich bin nicht resilient genug, ich müsste besser mit Stress umgehen.“
Erschöpfung entsteht auch durch äußere Bedingungen, nicht nur durch mangelnde innere Stärke.
Die Folge:
Nicht alles, was individuell erlebt wird, ist individuell verursacht.
Wer sich selbst die Schuld gibt für Dinge, auf die viele Faktoren Einfluss haben, trägt nicht Verantwortung, sondern eine unnötige Last.
Die zentrale Unterscheidung lautet:
Selbstverantwortung ist dort sinnvoll, wo ich tatsächlich Einfluss habe. Sie wird zur Überforderung, wo viele Faktoren zusammenwirken, die ich nicht kontrollieren kann.
Selbstverantwortung ist wichtig, aber nicht allmächtig.
Es ist entlastend zu sehen: Nicht alles, was schwierig ist, ist individuell zu lösen. Manchmal wirken Faktoren, die außerhalb meines Einflussbereichs liegen.
Wer sich selbst die Schuld gibt für Bedingungen, die er nicht geschaffen hat, trägt nicht Verantwortung, sondern eine unnötige Last.
Verantwortung ist kulturell geprägt
Wie wir über Verantwortung denken, ist nicht universell. Unsere Sicht ist kulturell geformt.
In westlich geprägten Gesellschaften gilt individuelle Selbstverantwortung als Ideal: Ich gestalte mein Leben, ich treffe meine Entscheidungen und ich setze meine Grenzen.
In anderen Kulturen steht Verantwortung gegenüber der Familie oder Gemeinschaft im Zentrum. Individuelle Bedürfnisse treten zurück, wenn die Familie etwas braucht. Das ist keine Überverantwortung, sondern kulturelle Norm.
Das wird konkret relevant:
Die Frage lautet dann nicht: „Was ist gesunde Verantwortung?“
Sondern: „Welche Verantwortung passt zu mir, mit meiner Prägung, meinen Werten und in meinem Kontext?“
Es gibt keine universal richtige Antwort. Es gibt nur die Frage: Was ist für mich stimmig?
Verantwortung lässt sich nicht einfach von Kultur zu Kultur übersetzen.
Fazit: Gesunde Verantwortung oder Überverantwortung?
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Übernehme ich zu viel?“
Sondern: „Welche Verantwortung ist hier meine und welche nicht?“
Gesunde Verantwortung erkennt man daran:
Überverantwortung erkennt man daran:
Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, wie viel ich tue.
Er liegt darin, ob ich frei bin, es zu verändern.
Die Prüffrage lautet: „Kann ich diese Verantwortung reduzieren, wenn sie zu viel wird – oder muss ich weitermachen, weil ich mich verpflichtet fühle?“
Wer diese Frage ehrlich beantworten kann, weiß, wo die Grenze verläuft.
Marion Wandke
Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.
Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.
