Was bedeu­tet gesunde Verantwortung

BAS-009

Was bedeu­tet gesunde Verantwortung?

Ich arbeite seit vie­len Jah­ren mit Men­schen, die erschöpft und aus­ge­laugt sind. Sie haben das Gefühl, dass sie dau­er­haft unter Druck ste­hen und inner­lich nicht zur Ruhe kom­men. Und sie erle­ben auch oft Ärger oder Frus­tra­tion in ihren Beziehungen.

Wenn wir gemein­sam nach den Ursa­chen suchen, sagen viele: Es ste­hen ein­fach 1000 Dinge am Tag auf mei­ner ToDo-Liste.“

Wenn ich sie dann frage, ob sie viel­leicht zu oft Ja sagen und zu viel Ver­ant­wor­tung über­neh­men, ist das meis­tens genau der Punkt.

Also das Thema Über­ver­ant­wor­tung.

Über­ver­ant­wor­tung ist real. Nur: Wo liegt die Grenze zwi­schen gesun­der Ver­ant­wor­tung und wann kann man von Über­ver­ant­wor­tung sprechen?

Lass uns also erst­mal das Thema Ver­ant­wor­tung näher ansehen.

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Warum es Sinn macht, zuerst über Ver­ant­wor­tung zu sprechen

Ver­ant­wor­tung ist ein Wort, das viel Gewicht hat. Es steht für Ver­läss­lich­keit, für Gestal­tungs­wil­len und für Ernst­haf­tig­keit. Wer Ver­ant­wor­tung über­nimmt, kann etwas bewir­ken. Wer Ver­ant­wor­tung trägt, gehört dazu – zu einem Team, zu einer Fami­lie oder auch zu etwas Grö­ße­rem. Das hat Bedeu­tung.


Für viele Men­schen ist Ver­ant­wor­tung des­halb nicht nur eine Auf­gabe, son­dern auch ein Wert. Sie gibt Ori­en­tie­rung und schafft Sinn.
Und sie macht auch sicht­bar: Ich trage mei­nen Teil bei und ich gehöre dazu.


Und doch wird Ver­ant­wor­tung erstaun­lich sel­ten rich­tig geklärt. Wir spre­chen von Ver­ant­wor­tung über­neh­men“, von ver­ant­wort­lich sein“.
Aber was genau mei­nen wir damit? Wofür bin ich zustän­dig? Und wo endet meine Ver­ant­wor­tung?


Wer unter Über­ver­ant­wor­tung lei­det, hat meist keine zu große“ Ver­ant­wor­tung. Er trägt Ver­ant­wor­tung, die durch ein psy­cho­lo­gi­sches Mus­ter ent­steht und nicht durch bewusste Entscheidung.

Die­ses Mus­ter funk­tio­niert wie ein Auto­ma­tis­mus:

Ich sehe etwas → ich fühle mich zustän­dig → ich handle.

Die eigent­lich not­wen­di­gen Fra­gen dazwi­schen wer­den nicht gestellt. Das Mus­ter über­springt sie einfach.

Aber was wären denn die not­wen­di­gen Fragen?

Dazu müs­sen wir klä­ren, was Ver­ant­wor­tung über­haupt bedeutet.

Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ist kein ver­läss­li­cher Kompass

Viel­leicht kennst du das auch, dass sich Ver­ant­wor­tung wie ein inne­rer Druck anfühlt. Als ein Gefühl von: Ich muss das tun. Es wird von mir erwar­tet. Wenn ich es nicht tue, pas­siert etwas Unan­ge­neh­mes, zum Bei­spiel andere sind ent­täuscht oder ver­är­gert.

Die­ses Gefühl ist real und kann ziem­lich wuch­tig sein. Dann ist es leich­ter, zu funk­tio­nie­ren“ als sich dem ent­ge­gen­zu­stel­len.

Oder Ver­ant­wor­tung fühlt sich rich­tig gut an. Du fühlst dich dadurch wirk­sam und nütz­lich.

Aber genau hier liegt eine Ver­wechs­lung, die schwer zu durch­schauen ist:

Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ist nicht das­selbe wie echte Verantwortung.

Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl kann auch dort ent­ste­hen, wo es keine begrün­dete Ver­ant­wor­tung gibt. Es ent­steht durch Mit­ge­fühl, durch früh geprägte Mus­ter und durch soziale Erwar­tun­gen.

Das heißt, das Gefühl alleine ist kein ver­läss­li­cher Kom­pass.

Hier hilft es, sich ein­mal sehr reflek­tiert mit dem Thema Ver­ant­wor­tung auseinanderzusetzen.

Ver­ant­wor­tung braucht Einfluss

Ver­ant­wor­tung setzt vor­aus, dass ich rea­len Ein­fluss auf das Gesche­hen habe. Ohne Ein­fluss kann ich keine Ver­ant­wor­tung tra­gen. Punkt.


Wir Men­schen über­neh­men lau­fend Ver­ant­wor­tung für Dinge, auf die wir kei­nen Ein­fluss haben.

Ver­ant­wor­tung für …

  • die Stim­mung anderer
  • Ergeb­nisse, bei denen wir auf die Mit­wir­kung von ande­ren ange­wie­sen sind
  • Auf­ga­ben, die Res­sour­cen benö­ti­gen, auf die wir kei­nen Zugriff haben
    usw.

Und dann ent­steht eine der belast­ends­ten psy­chi­schen Kon­stel­la­tio­nen: Ver­ant­wor­tung ohne Gestaltungsmöglichkeit.

Ein­fluss ist dabei nicht gleich Kon­trolle. Das ist eine wich­tige Unterscheidung.

Ein­fluss bedeu­tet auch: dür­fen und können

  • ich kann und darf die Auf­gabe eigen­stän­dig erledigen
  • ich darf eine bestimmte Ent­schei­dung treffen
  • ich ver­füge über die not­wen­di­gen Mittel.

Ein­fluss bedeu­tet nicht:

  • ein Ergeb­nis garantieren
  • andere inner­lich verändern
  • Pro­zesse voll­stän­dig steuern

Die innere Prüf­frage lau­tet:
Kann ich hier tat­säch­lich etwas gestal­ten oder trage ich nur die Last, ohne Ein­fluss zu haben?

Ver­ant­wor­tung ohne Ein­fluss führt nicht zu Gestal­tung, son­dern zu Ohnmacht.

Und Ohn­macht, die mit Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl ver­bun­den ist, erzeugt chro­ni­sche innere Span­nung, Selbst­zwei­fel und Erschöpfung.

Denn ich spüre: Ich sollte etwas tun aber ich kann nichts bewirken.

Ich halte es für ent­schei­dend, dass Men­schen sich erlau­ben, diese Frage zu stel­len: Habe ich hier wirk­lich Einfluss?

Denn oft wird Ver­ant­wor­tung dort über­nom­men, wo gar keine Gestal­tungs­mög­lich­keit besteht.
Und das ist nicht Enga­ge­ment, son­dern Selbstüberforderung.

Mit­ge­fühl, Mit­leid und Zustän­dig­keit – eine not­wen­dige Unterscheidung

Men­schen mit aus­ge­präg­tem Mit­ge­fühl oder hoher Kom­pe­tenz spü­ren oft: Ich sehe etwas – also muss ich mich darum küm­mern.“
Das ist ein psy­cho­lo­gi­scher Auto­ma­tis­mus, aber kein logi­scher Schluss.

Mit­ge­fühl

Mit­ge­fühl bedeu­tet: Ich nehme wahr, was jemand braucht oder was schwie­rig ist. Das ist wert­voll und wich­tig.

Ich kann etwas sehen, ohne dass es sofort mei­nes wird. Mit­ge­fühl schärft die Wahr­neh­mung und ermög­licht Ver­bin­dung, aber ohne dass ich mich selbst dabei verliere.

Mit­leid

Mit­leid bedeu­tet: Das Leid des ande­ren wird zu mei­nem eige­nen. Abgren­zung gelingt dann nicht mehr.

Wo Mit­leid ent­steht, ver­schmel­zen die Gren­zen. Ich spüre nicht mehr: Das ist dein Schmerz, das ist meiner.

Zustän­dig­keit

Zustän­dig­keit bedeu­tet: Ich habe einen defi­nier­ten Auf­ga­ben­be­reich, der begrün­det ist durch eine Ver­ein­ba­rung, eine Posi­tion, einen Auf­trag oder eine über­nom­mene Rolle.

Übri­gens: Hier meine ich nicht die­ses ner­vige Dafür bin ich nicht zustän­dig“, das mir oft in Unter­neh­men begeg­net. Ich kann ja durch­aus nicht zustän­dig sein, die anfra­gende Per­son aber trotz­dem freund­lich an die rich­tige Stelle wei­ter­lei­ten oder das Anlie­gen auf­neh­men und weitergeben.

Die­ses Ich sehe etwas“ zu Ich muss mich darum küm­mern“ geschieht oft auto­ma­tisch, ohne dass wir es merken.

Wer über­all, wo Mit­ge­fühl ent­steht, sofort zum Küm­me­rer wird, han­delt ohne Begren­zung. Das führt zu Erschöp­fung, denn die ToDo-Liste wird immer län­ger und irgend­wann sind die eige­nen Res­sour­cen aufgebraucht

Mit­ge­fühl ist eine Stärke. Aber es wird zur Belas­tung, wenn es auto­ma­tisch in Ver­ant­wor­tung (im Sinne von Darum küm­mern‘) über­setzt wird.

Ich denke, dass es wich­tig ist, sich selbst zu erlau­ben zu fra­gen: Bin ich hier wirk­lich zustän­dig oder fühle ich mich nur ver­ant­wort­lich, weil ich es sehe? Mit­ge­fühl macht Lücken oder Unter­stüt­zungs­be­darf sicht­bar. Aber es macht dich nicht auto­ma­tisch dafür zuständig.

Diese Unter­schei­dung ist kein Ego­is­mus oder emo­tio­nale Kälte, son­dern Klarheit.

Ver­ant­wor­tung und Schuld­ge­fühl – ein unter­schätz­ter Zusammenhang

Viele Men­schen über­neh­men Ver­ant­wor­tung nicht, weil sie etwas gestal­ten wol­len. Sie tun es, weil sie sich sonst schul­dig füh­len wür­den.

Die unbe­wusste Logik dahin­ter läuft so ab: Wenn ich es nicht tue, könnte etwas schief­ge­hen. Dann wäre es meine Schuld. Also muss ich es tun.

Das ist kein bewuss­ter Gedan­ken­gang. Es ist eine innere Logik, die sich oft schon in der Kind­heit gebil­det hat und sehr wirk­mäch­tig ist.


Han­deln aus Schuld­ver­mei­dung ist nicht frei gewählt.

Es ist reak­tiv. Ich handle nicht, weil ich gestal­ten will, son­dern weil ich Schuld ver­mei­den will. Und das macht einen ent­schei­den­den Unter­schied.

Wer aus Schuld­ver­mei­dung han­delt, kann keine klare Grenze zie­hen. Es gibt kei­nen Punkt, an dem ich sagen kann: Hier endet mein Ver­ant­wor­tungs­be­reich. Denn solange theo­re­tisch noch etwas schief­ge­hen könnte, bleibt das Schuld­ge­fühl.

Men­schen, die so han­deln, kön­nen nie genug tun. Sie han­deln nicht, bis etwas geschafft ist. Sie han­deln, bis die Angst vor Schuld nach­lässt. Und das ist ein Zustand, der sel­ten erreicht wird.


Die Alter­na­tive ist Ver­ant­wor­tung, die aus Gestal­tungs­wil­len ent­steht. Sie ist klar begrenzt. Sie ori­en­tiert sich nicht daran, was alles pas­sie­ren könnte, son­dern daran, was zu mei­nem Ein­fluss­be­reich gehört.

Ich halte es für zen­tral, dass wir uns fra­gen: Über­nehme ich Ver­ant­wor­tung, weil ich gestal­ten will? Oder weil ich befürchte, mich sonst schul­dig zu fühlen?

Das ist keine Klei­nig­keit. Es macht den Unter­schied zwi­schen trag­ba­rer und erschöp­fen­der Ver­ant­wor­tung.

Schuld­ge­fühle sind ein star­kes Motiv. Aber sie sind kein guter Rat­ge­ber für Ver­ant­wor­tung. Wer han­delt, um Schuld­ge­fühle zu ver­mei­den, han­delt nie frei­wil­lig und des­halb auch nie begrenzt.

Fünf For­men der Verantwortung

Ver­ant­wor­tung ist nicht schwarz-weiß. Es gibt ver­schie­dene For­men und Grade, je nach Situa­tion, Kon­text und eige­nem Ein­fluss.

Die ent­schei­dende Frage lau­tet nicht: Bin ich ver­ant­wort­lich? Son­dern: Wel­che Form von Ver­ant­wor­tung ist hier ange­mes­sen?

Im Fol­gen­den beschreibe ich fünf For­men, die unter­schied­li­che Wei­sen des Umgangs mit Ver­ant­wor­tung abbil­den. Dabei geht es nicht um eine starre Abfolge, son­dern um Ori­en­tie­rungs­punkte.

Die meis­ten Men­schen bewe­gen sich je nach Kon­text zwi­schen die­sen For­men – und genau das macht es wich­tig, sich immer wie­der zu ver­or­ten.
Nicht als Selbst­op­ti­mie­rung, son­dern als Orientierung.

1. Keine Verantwortung

Ich trage keine Ver­ant­wor­tung und das ist in vie­len Situa­tio­nen ange­mes­sen und rich­tig.

Ich bin nicht ver­ant­wort­lich für die Stim­mung ande­rer, für Kon­flikte, an denen ich nicht betei­ligt bin, oder für Ent­schei­dun­gen erwach­se­ner Men­schen in mei­nem Umfeld.
Ich bin nicht ver­ant­wort­lich für Dinge, auf die ich kei­nen Ein­fluss habe oder die mich schlicht nichts ange­hen.

Das bedeu­tet: Ich muss mich nicht darum küm­mern.

Natür­lich darf ich mich ein­brin­gen, aus Mit­ge­fühl oder weil ich es möchte. Aber dann als Ange­bot, nicht als Ein­mi­schung.
Als freie Wahl, nicht aus Pflicht­ge­fühl.

Refle­xi­ons­frage: Trage ich hier fak­tisch Ver­ant­wor­tung oder fühle ich mich nur verantwortlich?

2. Situa­tive Verantwortung

Ich über­nehme Ver­ant­wor­tung in bestimm­ten Situa­tio­nen, aber nicht dau­er­haft.

Ich helfe jeman­dem, der gestürzt ist. Ich trage in die­sem Moment Ver­ant­wor­tung, aber nicht dar­über hin­aus. Ich greife ein, wenn ich etwas sehe, aber ich über­nehme nicht die lang­fris­tige Zustän­dig­keit.

Das Merk­mal situa­ti­ver Ver­ant­wor­tung ist: Sie ist zeit­lich begrenzt. Sie endet mit der Situa­tion.

Die Falle beim Mus­ter Über­ver­ant­wor­tung:
Wer zu Über­ver­ant­wor­tung neigt, macht aus ein­ma­li­ger Hilfe oft eine dau­er­hafte Zustän­dig­keit.

Refle­xi­ons­frage: Ist das eine ein­ma­lige Situa­tion oder habe ich still­schwei­gend eine Dau­er­zu­stän­dig­keit übernommen?

3. Geteilte Verantwortung

Ich trage Ver­ant­wor­tung gemein­sam mit ande­ren. Team­pro­jekte, Eltern­schaft, gemein­same Haus­halts­füh­rung – hier ist Ver­ant­wor­tung ver­teilt.


Das Merk­mal geteil­ter Ver­ant­wor­tung ist: Sie muss aus­ge­han­delt wer­den. Es braucht Klä­rung, wer wofür zustän­dig ist und diese Klä­rung ver­än­dert sich mit den Umstän­den.

Geteilte Ver­ant­wor­tung funk­tio­niert nur, wenn jeder sei­nen Teil bei­trägt und ich mei­nen Teil nicht mit dem der ande­ren ver­wechsle.


Die Falle beim Mus­ter Über­ver­ant­wor­tung:
Ich über­nehme den Teil der ande­ren mit, statt ihn bei ihnen zu las­sen. Statt ein­zu­for­dern, dass jeder sei­nen Teil bei­trägt, werde ich zum allei­ni­gen Küm­me­rer.

Refle­xi­ons­frage: Tra­gen alle ihren Teil oder über­nehme ich still­schwei­gend auch den Teil der anderen?

4. Bewusste per­sön­li­che Verantwortung

Ich über­nehme Ver­ant­wor­tung bewusst und aus eige­nem Ent­schluss. Ich führe ein Pro­jekt, ich über­nehme eine Rolle, ich setze eine Grenze.

Das Merk­mal bewuss­ter per­sön­li­cher Ver­ant­wor­tung ist: Sie ist klar umris­sen, frei­wil­lig und mit dem erfor­der­li­chen Ein­fluss ver­bun­den.
Ich weiß, wofür ich zustän­dig bin. Ich habe die Mit­tel, um zu han­deln. Und ich habe mich bewusst dafür ent­schie­den.

Wich­tig: Bewusst über­nom­men bedeu­tet nicht für immer fest­ge­legt“. Ver­ant­wor­tung kann sich ver­än­dern. Weil sich Umstände ändern, weil der Umfang grö­ßer wird als gedacht oder weil sich die eigene Res­sour­cen ver­än­dern.

Gesunde Ver­ant­wor­tung kann hin­ter­fragt, ange­passt oder auch wie­der abge­ge­ben wer­den, wenn das nötig ist.


Die Falle beim Mus­ter Über­ver­ant­wor­tung:

Wer zu Über­ver­ant­wor­tung neigt, denkt oft: Ich über­nehme das bewusst“. Weil es sich rich­tig anfühlt. Tat­säch­lich aber reagiert das Ner­ven­sys­tem auto­ma­tisch, bevor eine bewusste Ent­schei­dung mög­lich wäre.

Der Unter­schied liegt nicht in der Moti­va­tion, son­dern in der Frei­heit:

Bewusste Ver­ant­wor­tung: Ich kann Gren­zen set­zen, wenn es zu viel wird.
Reak­tive Ver­ant­wor­tung: Ich kann nicht auf­hö­ren, auch wenn es mich über­for­dert.

Refle­xi­ons­frage: Kann ich diese Ver­ant­wor­tung redu­zie­ren, wenn sie zu viel wird oder muss ich wei­ter­ma­chen, weil ich mich ver­pflich­tet fühle?

5. Über­dehnte Ver­ant­wor­tung (Über­ver­ant­wor­tung)

Ich über­nehme Ver­ant­wor­tung jen­seits mei­nes Ein­fluss­be­reichs oder jen­seits des­sen, was zu mir gehört.

Ich fühle mich ver­ant­wort­lich für die Stim­mung ande­rer, für Dinge, die ich nicht beein­flus­sen kann oder für Ergeb­nisse, die nicht in mei­ner Hand lie­gen.

Das Merk­mal über­dehn­ter Ver­ant­wor­tung ist: Sie ist dif­fus, erschöp­fend und ohne klare Grenze. Ich kann nicht sagen, wann ich genug getan habe, weil die Ver­ant­wor­tung keine klare Grenze hat.

Das ist Über­ver­ant­wor­tung.

Refle­xi­ons­frage: Wo über­nehme ich Ver­ant­wor­tung, obwohl ich kei­nen Ein­fluss habe?

👉🏻Hier geht’s zum Blog­bei­trag: 10 Anzei­chen, dass du dich zu stark für andere ver­ant­wort­lich fühlst

Diese fünf For­men hel­fen zu erken­nen, wo gesunde Ver­ant­wor­tung endet und wo Über­ver­ant­wor­tung beginnt.
Du kannst damit kon­krete Situa­tio­nen einordnen.

Ver­ant­wor­tung und die Ent­wick­lung anderer

Zu viel über­nom­mene Ver­ant­wor­tung nimmt dem ande­ren die Mög­lich­keit, selbst­stän­dig zu wer­den. Wer alles regelt, nimmt den Raum für Selbst­wirk­sam­keit.

Der Unter­schied: Unter­stütze ich dich – oder über­nehme ich die Füh­rung?

Wenn ich unter­stütze, schaffe ich einen Rah­men, in dem der andere selbst han­deln kann.

Wenn ich die Füh­rung über­nehme, nehme ich dem ande­ren die Erfah­rung, selbst wirk­sam zu sein.

Ver­ant­wor­tung endet nicht dort, wo ich erschöpft bin. Sie endet dort, wo sie die Ent­wick­lung eines ande­ren blo­ckiert. Und das ist manch­mal frü­her, als es sich gut anfühlt.

Ver­ant­wor­tung in asym­me­tri­schen Beziehungen

Ver­ant­wor­tung ver­än­dert sich im Laufe des Lebens, wenn Kin­der erwach­sen und wenn Eltern alt werden.

Ver­ant­wor­tung bei Kindern

Kin­der kön­nen zunächst keine Ver­ant­wor­tung für sich über­neh­men, das ist ent­wick­lungs­be­dingt. Erwach­sene tra­gen des­halb stell­ver­tre­tende Ver­ant­wor­tung und das ist not­wen­dig.

Aber: Diese Ver­ant­wor­tung muss sich mit der Ent­wick­lung des Kin­des ver­än­dern. Ent­wick­lung ent­steht dort, wo Ver­ant­wor­tung schritt­weise über­ge­ben wird und wo Erwach­sene aus­hal­ten, dass es nicht per­fekt funk­tio­niert.

Wer zu lange stell­ver­tre­tend han­delt, ver­hin­dert, dass das Kind selbst­stän­dig wird.

Ver­ant­wor­tung für Kin­der bedeu­tet, schritt­weise weni­ger zu tun. Und das erfor­dert oft mehr innere Klar­heit als das Tun selbst.

Ver­ant­wor­tung bei alten oder erkrank­ten Eltern

Mit zuneh­men­der Ein­schrän­kung kann Ver­ant­wor­tung wie­der not­wen­dig wer­den, und zwar in die andere Rich­tung.

Aber auch hier besteht die Gefahr der Ent­mün­di­gung. Denn Ver­ant­wor­tung, die nicht mehr gemein­sam gestal­tet wird, wird zur Fremd­be­stim­mung.

Gesunde Ver­ant­wor­tung ist auch hier ver­han­del­bar und ach­tet Würde und Auto­no­mie.

Sie fragt nicht nur: Was muss ich tun? Son­dern auch: Was kann der andere noch selbst ent­schei­den oder machen?

Die zen­trale Leit­idee: Ver­ant­wor­tung muss sich mit der Fähig­keit zur Selbst­ver­ant­wor­tung ver­än­dern – in beide Richtungen.

Viele Kon­flikte in Fami­lien ent­ste­hen nicht, weil zu viel oder zu wenig getan wird, son­dern weil Ver­ant­wor­tung an einem Punkt ste­hen bleibt, der längst über­holt ist.

Ver­ant­wor­tung, die nicht mit­wächst, wird zur Fes­sel und zwar für beide Seiten.

Ver­ant­wor­tung in Orga­ni­sa­tio­nen und Systemen

In Orga­ni­sa­tio­nen wird viel über Eigen­ver­ant­wor­tung, Selbst­be­stim­mung und Sinn­ori­en­tie­rung gespro­chen. Das setzt aber vor­aus, dass Men­schen auch die Mit­tel haben, um tat­säch­lich zu gestal­ten.

Was oft fehlt: Ent­schei­dungs­be­fug­nisse, Res­sour­cen und Handlungsspielräume.

Die zen­trale Unter­schei­dung lau­tet:

Echte Ver­ant­wor­tung = Auf­gabe + Ent­schei­dung + Mit­tel

For­male Ver­ant­wor­tung = Auf­gabe wird zuge­wie­sen, Ent­schei­dungs­be­fug­nis und/​oder Res­sour­cen blei­ben aus

Ver­ant­wor­tung ohne Ent­schei­dungs­rechte erzeugt innere Span­nung, Selbst­zwei­fel und Erschöp­fung. Das ist kein Pro­blem der indi­vi­du­el­len Resi­li­enz, son­dern eine struk­tu­relle Unwucht.

Die Prüf­frage lau­tet: Habe ich die Mit­tel, um die Ver­ant­wor­tung tat­säch­lich zu tragen?

Wenn nein: Das ist nicht mein Unver­mö­gen, son­dern ein struk­tu­rel­les Problem.

Wenn Men­schen sich erschöp­fen, weil sie Ver­ant­wor­tung tra­gen sol­len, ohne die Rah­men­be­din­gun­gen dafür zu haben, wird das oft als man­gelnde Resi­li­enz“ oder schlech­tes Selbst­ma­nage­ment“ umge­deu­tet. Aber es ist keine indi­vi­du­elle Schwä­che, son­dern sys­te­mi­sche Überforderung.

Ver­ant­wor­tung ohne Mit­tel ist keine Wert­schät­zung. Sie ist eine Zumutung.

Und sie erschöpft nicht, weil zu wenig getan wird, son­dern weil zu viel ver­langt wird, ohne dass es trag­bar gemacht wird.

Ver­ant­wor­tungs­dif­fu­sion

Neben Über­ver­ant­wor­tung exis­tiert auch Ver­ant­wor­tungs­dif­fu­sion.

Wenn Ver­ant­wor­tung über­all“ ist, fühlt sich nie­mand kon­kret zustän­dig. In Teams: Das macht schon jemand.“ In Fami­lien: Wird sich schon jemand drum küm­mern.“

Die Folge: Ver­ant­wor­tung lan­det dort, wo Men­schen sie nicht zurück­wei­sen kön­nen oder wol­len, oft bei den Enga­gier­ten, den Gewis­sen­haf­ten und den Mit­füh­len­den.

Das ist eine sys­te­mi­sche Dyna­mik: Ver­ant­wor­tungs­dif­fu­sion erzeugt Über­last bei Ein­zel­nen. Nicht weil diese zu viel tun wol­len, son­dern weil andere zu wenig über­neh­men.

Gesunde Ver­ant­wor­tung braucht klare Zustän­dig­kei­ten, begrenzte Ver­ant­wor­tungs­räume und geteilte Ver­ant­wor­tung dort, wo sie sinn­voll ist.

Über­ver­ant­wor­tung ist ein psy­cho­lo­gi­sches Mus­ter. Ver­ant­wor­tungs­dif­fu­sion im Sys­tem ist der Kon­text, in dem es akti­viert wird: Wer die Lücke spürt, springt hinein.

Des­halb braucht es bei­des: Arbeit am eige­nen Mus­ter und Klä­rung im Sys­tem.

Wer immer die Ver­ant­wor­tung über­nimmt, ent­las­tet das Sys­tem. Und über­las­tet sich selbst. Das ist nicht Enga­ge­ment, son­dern hält ein dys­funk­tio­na­les Sys­tem aufrecht.

👉 Hier geht’s zum Blog­bei­trag: Resi­li­enz und resi­li­ente Orga­ni­sa­tion – mehr als ein per­sön­li­ches Thema

Selbst­ver­ant­wor­tung und ihre Grenzen

Selbst­ver­ant­wor­tung ist ein zen­tra­ler Wert moder­ner Gesell­schaf­ten. Sie bedeu­tet: Ich gestalte mein Leben, ich treffe Ent­schei­dun­gen und ich trage die Fol­gen. Wo das mög­lich ist, erlebe ich mich als wirk­sam und selbst­be­stimmt.

Aber: Pro­ble­ma­tisch wird Selbst­ver­ant­wor­tung dort, wo sie zur Selbst­be­schul­di­gung für Dinge wird, die ich nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann.

Der Begriff Respon­si­bi­li­sie­rung beschreibt diese Ver­schie­bung: Ver­ant­wor­tung wird indi­vi­dua­li­siert, auch dort, wo viele Fak­to­ren zusam­men­wir­ken, die nicht in mei­ner Hand lie­gen.

Das zeigt sich etwa:

Bei Gesund­heit

Wenn jemand erkrankt und sich vor­wirft: Ich habe nicht gesund genug gelebt, nicht genug medi­tiert oder meine Emo­tio­nen nicht gut genug regu­liert.“

Gesund­heit hat viele Fak­to­ren – Gene­tik, Umwelt, Zufall. Nicht alles ist Lebensstil.

Bei Bezie­hun­gen

Wenn eine Bezie­hung schei­tert und jemand denkt: Ich habe nicht genug kom­mu­ni­ziert oder nicht genug an mei­nen Mus­tern gear­bei­tet.“

Bezie­hun­gen brau­chen zwei Men­schen, die für die Bezie­hung Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Nicht alles liegt an dir.

Bei Erschöp­fung

Wenn jemand sich erschöpft fühlt und denkt: Ich bin nicht resi­li­ent genug, ich müsste bes­ser mit Stress umge­hen.“

Erschöp­fung ent­steht auch durch äußere Bedin­gun­gen, nicht nur durch man­gelnde innere Stärke.

Die Folge:

Nicht alles, was indi­vi­du­ell erlebt wird, ist indi­vi­du­ell verursacht.

Wer sich selbst die Schuld gibt für Dinge, auf die viele Fak­to­ren Ein­fluss haben, trägt nicht Ver­ant­wor­tung, son­dern eine unnö­tige Last.

Die zen­trale Unter­schei­dung lautet:

Selbst­ver­ant­wor­tung ist dort sinn­voll, wo ich tat­säch­lich Ein­fluss habe. Sie wird zur Über­for­de­rung, wo viele Fak­to­ren zusam­men­wir­ken, die ich nicht kon­trol­lie­ren kann.

Selbst­ver­ant­wor­tung ist wich­tig, aber nicht allmächtig.

Es ist ent­las­tend zu sehen: Nicht alles, was schwie­rig ist, ist indi­vi­du­ell zu lösen. Manch­mal wir­ken Fak­to­ren, die außer­halb mei­nes Ein­fluss­be­reichs liegen.

Wer sich selbst die Schuld gibt für Bedin­gun­gen, die er nicht geschaf­fen hat, trägt nicht Ver­ant­wor­tung, son­dern eine unnö­tige Last.

Ver­ant­wor­tung ist kul­tu­rell geprägt

Wie wir über Ver­ant­wor­tung den­ken, ist nicht uni­ver­sell. Unsere Sicht ist kul­tu­rell geformt.

In west­lich gepräg­ten Gesell­schaf­ten gilt indi­vi­du­elle Selbst­ver­ant­wor­tung als Ideal: Ich gestalte mein Leben, ich treffe meine Ent­schei­dun­gen und ich setze meine Gren­zen.

In ande­ren Kul­tu­ren steht Ver­ant­wor­tung gegen­über der Fami­lie oder Gemein­schaft im Zen­trum. Indi­vi­du­elle Bedürf­nisse tre­ten zurück, wenn die Fami­lie etwas braucht. Das ist keine Über­ver­ant­wor­tung, son­dern kul­tu­relle Norm.

Das wird kon­kret relevant:

  • Wenn jemand aus einem kol­lek­ti­vis­ti­schen Kul­tur­kreis stammt und sich zwi­schen indi­vi­du­el­ler Frei­heit und Fami­li­en­ver­ant­wor­tung ent­schei­den muss.
  • Wenn Part­ner aus unter­schied­li­chen Kul­tur­krei­sen auf­ein­an­der­tref­fen und unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen von Ver­ant­wor­tung in einer Bezie­hung haben.
  • Wenn west­li­che Coa­ching-Kon­zepte („Setz deine Gren­zen!“) auf Men­schen tref­fen, für die Fami­lie Vor­rang hat

Die Frage lau­tet dann nicht: Was ist gesunde Verantwortung?“

Son­dern: Wel­che Ver­ant­wor­tung passt zu mir, mit mei­ner Prä­gung, mei­nen Wer­ten und in mei­nem Kontext?“

Es gibt keine uni­ver­sal rich­tige Ant­wort. Es gibt nur die Frage: Was ist für mich stimmig?

Ver­ant­wor­tung lässt sich nicht ein­fach von Kul­tur zu Kul­tur übersetzen.

Fazit: Gesunde Ver­ant­wor­tung oder Überverantwortung?

Die ent­schei­dende Frage lau­tet nicht: Über­nehme ich zu viel?“

Son­dern: Wel­che Ver­ant­wor­tung ist hier meine und wel­che nicht?“

Gesunde Ver­ant­wor­tung erkennt man daran:

  • Sie ist klar umrissen
  • Ich habe Ein­fluss und die Mit­tel, um zu handeln
  • Sie ist tragfähig
  • Ich kann sie anpas­sen oder redu­zie­ren, wenn es zu viel wird

Über­ver­ant­wor­tung erkennt man daran:

  • Ich fühle mich ver­ant­wort­lich, habe aber kei­nen oder zu wenig Einfluss
  • Sie erschöpft mich
  • Ich kann nicht auf­hö­ren, auch wenn ich will

Der ent­schei­dende Unter­schied liegt nicht darin, wie viel ich tue.

Er liegt darin, ob ich frei bin, es zu verändern.

Die Prüf­frage lau­tet: Kann ich diese Ver­ant­wor­tung redu­zie­ren, wenn sie zu viel wird – oder muss ich wei­ter­ma­chen, weil ich mich ver­pflich­tet fühle?“

Wer diese Frage ehr­lich beant­wor­ten kann, weiß, wo die Grenze verläuft.

Portrait Marion Wandke

Marion Wandke

Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.

Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.

Mehr über mich und meine Arbeit findest du auf meiner „Über-mich“-Seite.