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Rechts­po­pu­lis­mus und Angst – ein Vor­trag von Dr. Gerda Sutthoff

Heute habe ich für mei­nen Blog ein­mal ein ganz ande­res Thema mit­ge­bracht – und es ist auf einer tie­fe­ren Ebene doch eng verbunden.

Angst, gesell­schaft­li­che Spal­tung, der Umgang mit Unsi­cher­heit: Das sind nicht nur poli­ti­sche Phä­no­mene, son­dern auch psy­cho­dy­na­mi­sche Pro­zesse – also innere Vor­gänge, bei denen unbe­wusste Ängste, alte Prä­gun­gen und emo­tio­nale Span­nun­gen unser Den­ken, Füh­len und Han­deln beeinflussen.

Dr. Gerda Sutt­hoff und ich absol­vie­ren gemein­sam eine Aus­bil­dung in soma­ti­scher Medi­ta­tion. In die­sem Kon­text habe ich sie als eine reflek­tierte und aus­ge­spro­chen klar­sich­tige Stimme ken­nen­ge­lernt – umso mehr freue ich mich, ihren Vor­trag hier tei­len zu dürfen.


Vor­trag in der Kul­tur­kir­che Ober­schüpf am 30.3.2025
 
Dr. med. Gerda Sutt­hoff
Fach­ärz­tin für Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin und Psy­cho­the­ra­pie
– Psy­cho­ana­lyse –
 
Rechts­po­pu­lis­mus und Angst“

Ein­lei­tung und Zielsetzung

Popu­lis­mus und v.a. Rechts­po­pu­lis­mus ist ein Phä­no­men, das in den ver­gan­ge­nen ca. 10 Jah­ren ver­mehrt benannt wurde und v.a. den Bewe­gun­gen im rech­ten Bereich des poli­ti­schen Spek­trums vor­ge­wor­fen wird. Doch auch so man­cher Poli­ti­ker, der sich der poli­ti­schen Mitte zurech­net, ver­fällt bis­wei­len der Ver­su­chung popu­lis­ti­scher Reden.

Vor­an­stel­len möchte ich: Ich bin christ­lich sozia­li­siert und gehöre doch kei­ner der christ­li­chen Kir­chen mehr an, ebenso kei­ner Partei.

Zunächst möchte ich eine Begriffs­de­fi­ni­tion vor­an­stel­len, was unter Rechts­po­pu­lis­mus über­haupt zu ver­ste­hen ist. Dann werde ich die Fak­to­ren nen­nen, die mei­nes Erach­tens seit eini­gen Jah­ren und ganz aktu­ell zusam­men­kom­men und zu einer ver­mehr­ten Angst in der Gesell­schaft füh­ren. In einer Mischung aus psy­cho­ana­ly­ti­schen und gesell­schafts­po­li­ti­schen Gedan­ken möchte ich Ihnen – ins­be­son­dere mit Blick auf zu Grunde lie­gende Ängste – Hypo­the­sen vor­stel­len und damit nach­voll­zieh­bar machen, wie es beim Ein­zel­nen und in der Gesell­schaft zu einer sol­chen Rechts-Ver­schie­bung kom­men kann, wie wir sie erle­ben. Und ich möchte schließ­lich auch nicht ver­säu­men, meine Ideen dazu zu äußern, was wir alle tun kön­nen gegen die Erfolge der Rechts­po­pu­lis­ten. Das halte ich für eine wesent­li­che poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Auf­gabe. Und dabei möchte ich schließ­lich auch jeden von Ihnen auf die in uns allen vor­han­de­nen spi­ri­tu­el­len Res­sour­cen auf­merk­sam machen.

Begriffs­klä­rung: Was ist Rechtspopulismus?

Zunächst die Begriffs­de­fi­ni­tion:
Popu­lis­mus ist defi­niert als eine poli­ti­sche Bewe­gung, die die Inter­es­sen, kul­tu­rel­len Wesens­züge und spon­ta­nen Emp­fin­dun­gen der ein­fa­chen Bevöl­ke­rung her­vor­hebt, im Gegen­satz zu denen einer pri­vi­le­gier­ten Elite“ – so for­mu­liert in der Ency­clo­pe­dia of Demo­cracy.
Und was ist dann Rechts-Popu­lis­mus?
Die Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung fin­det klare Worte. Ich zitiere: „ Unter Rechts­po­pu­lis­mus ver­steht man eine poli­ti­sche Stra­te­gie, die auto­ri­täre Vor­stel­lun­gen ver­tritt und ver­brei­tete ras­sis­ti­sche Vor­ur­teile aus­nutzt und ver­stärkt.“ Dazu ver­wende der Rechts­po­pu­lis­mus dem­ago­gi­sche Argu­men­ta­tion“, mit der das ein­fa­che Volk” gegen die da oben” gestärkt wer­den solle. Diese Wir-Gruppe” grenze sich nicht nur nach oben, son­dern auch strikt nach außen ab, bei­spiels­weise gegen andere eth­ni­sche oder reli­giöse Grup­pen. Soziale Miss­stände und Kri­mi­na­li­tät wür­den durch ras­si­sche oder kul­tu­relle Beson­der­hei­ten erklärt.

Der Begriff Rechts­po­pu­lis­mus” werde ver­wen­det, um eine gemä­ßigte Form von Rechts­extre­mis­mus“ zu bezeich­nen. Mit  Rechts­po­pu­lis­mus“ werde eher eine poli­ti­sche Stra­te­gie als eine geschlos­sene Ideo­lo­gie bezeich­net. Er zeichne sich oft aus durch insze­nierte Tabu­brü­che, das Ein­for­dern radi­ka­ler Lösun­gen und den Hang zu Ver­schwö­rungs­theo­rien. Rechts­po­pu­lis­ten seien Ver­tre­ter auto­ri­tä­rer Poli­tik­kon­zepte, sie for­der­ten mehr Härte” gegen Straf­tä­ter oder Rand­grup­pen oder schür­ten Ängste vor einer Über­flu­tung” und Über­frem­dung” durch Migran­ten. Sie begrün­de­ten dies mit kon­ser­va­ti­ven Wer­ten. So beton­ten Rechts­po­pu­lis­ten gern ihre Ver­fas­sungs­treue, um nicht extrem zu wir­ken – doch stell­ten sie in ihrer Agi­ta­tion Grund­werte wie Men­schen­würde, Gleich­heit, Min­der­hei­ten­schutz, Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot usw. in Frage. Soweit die Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bildung.

Gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen und Angst

Ich komme zum Thema Angst“:
In unse­rer Gesell­schaft gibt es seit meh­re­ren Jah­ren ver­schie­dene  Gründe und Aus­lö­ser für viel­fäl­tige Ängste.
Indi­vi­du­ell und im fami­liä­ren Kon­text sind in den letz­ten Jahr­zehn­ten in gro­ßem Umfang Halt gebende kon­fes­sio­nelle Struk­tu­ren und ethisch-reli­giöse Werte weggefallen.

Man könnte fast sagen: im Gegen­zug ist der Ein­fluss des Inter­nets grö­ßer gewor­den. Neben man­chem Segen dro­hen hier Gefah­ren durch Fake-News, ungute Mei­nungs­ma­ni­pu­la­tion auch durch andere Staa­ten und Miss­brauch der soge­nann­ten Künst­li­chen Intel­li­genz. Was wir frü­her als die Wahr­heit“ z.B. in der Tages­schau ange­se­hen haben, wird heute von Infra­ge­stel­lun­gen aller Art pul­ve­ri­siert.
Für viele Men­schen hat der Arbeits­platz eine fami­li­en­ähn­li­che, sta­bi­li­sie­rende Bedeu­tung. Inner­be­trieb­li­che demo­kra­ti­sche Struk­tu­ren mit Betriebs­rat und Kün­di­gungs­schutz haben jedoch an Ver­bind­lich­keit ver­lo­ren.
Für man­chen Bewoh­ner der frü­he­ren DDR hat die Wende“, die Ver­hei­ßung blü­hen­der Land­schaf­ten“ tat­säch­lich eine deut­li­che Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät bewirkt. Doch für viele war sie eine Ver­un­si­che­rung ihrer zuvor bestehen­den, wenn auch beschei­de­ne­ren Lebens­be­din­gun­gen. Sie erleb­ten die Ver­än­de­run­gen in ihrem Land eher mit dem Gefühl von Hilf­lo­sig­keit und Aus­lie­fe­rung im Sinne einer Macht­über­nahme nach kapi­ta­lis­ti­schen Inter­es­sen, ohne ein in ihnen gewach­se­nes demo­kra­ti­sches Wert­emp­fin­den und Ver­ständ­nis für die teil­weise kom­ple­xen Pro­zesse in der Bun­des­re­pu­blik.
Glo­ba­li­sier­tes Den­ken lässt den ein­zel­nen, der sich nicht gerade als Player“ emp­fin­det und dar­stellt, noch klei­ner emp­fin­den.
Der Kli­ma­wan­del und seine Aus­wir­kun­gen wird uns nun von Wis­sen­schaft­lern immer ein­dring­li­cher mit sei­nem bedroh­li­chen expo­nen­ti­el­len Ver­lauf vor Augen geführt.

Die Corona-Pan­de­mie hat uns nahezu schlag­ar­tig und ohne Erfah­rungs­werte mit einer Situa­tion von Seu­chen­ge­fahr kon­fron­tiert,  Ängste aus­ge­löst vor Erkran­kung wie Ängste vor einer Imp­fung. Poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen soll­ten uns Sicher­heit geben, führ­ten aber in gro­ßem Aus­maß zu einem Erle­ben von Will­kür, sie lös­ten ihrer­seits Bedro­hun­gen, Belas­tun­gen und Ängste aus.
Der krie­ge­ri­sche Angriff Russ­lands auf die Ukraine 1000 km von uns ent­fernt zeigt uns:  Die Gren­zen eines Lan­des in unse­rer Nähe sind offen­sicht­lich nicht mehr sicher. Und Trumps Geba­ren gegen­über Grön­land setzt die­ser Erfah­rung noch einen Hut auf. Die Gren­zen und Bezeich­nun­gen im Welt­at­las gera­ten in beängs­ti­gen­der Art und Weise in Bewe­gung.
Über­all wer­den wir mit stei­gen­den Kos­ten kon­fron­tiert. Viele Men­schen, jün­gere und ältere, erle­ben sich hilf­los als Opfer einer grö­ßer wer­den­den Spanne zwi­schen arm und reich. Nach Jah­ren, in denen kon­ti­nu­ier­li­ches Wachs­tum das Nor­male war, nimmt der Wohl­stand ab. Nur sehr wenige schei­nen dafür umso mehr Geld zu haben.

Flucht, Über­for­de­rung und Polarisierung

So, und zu all dem kom­men dann noch die Flücht­linge, die fremd aus­se­hen, die nicht unsere Spra­che spre­chen, zu denen kein gewach­se­nes Ver­trauen besteht, die dann auch noch teil­weise durch Straf­ta­ten auf­fal­len. Für die soll man aber Ver­ständ­nis haben, und die bekom­men unsere Steu­er­gel­der. Unser Leben ist doch schon so über­for­dernd und aus den Fugen gera­ten! Unsere Ängste sind doch noch gar nicht wie­der besänf­tigt! Dann macht es den einen Angst, dass sie noch mehr um ihre Rechte und Sicher­hei­ten fürch­ten müs­sen. Und den ande­ren macht es Angst, dass schon seit 2015 die Men­schen­rechte sich auf­lö­sen, wenn man Flücht­linge im Mit­tel­meer nicht vor dem Ertrin­ken ret­tet, denn das bedeu­tet, dass nicht mehr jeder Mensch gleich ist und die glei­chen Rechte zu leben hat. Und solch ein Sys­tem macht auch Angst.

Und dann geht man viel­leicht auf die Stra­ßen und schreit seine Wut her­aus, weil man von all den Zusam­men­hän­gen über­for­dert ist, keine Lust mehr hat auf Ein­schrän­kun­gen, nie­man­dem mehr rich­tig glau­ben kann und dann halt denen nach­läuft, die Macht und Heil so ver­spre­chen und erklä­ren, dass es sich ein­fach und logisch anhört, denn dann gehört man wie­der zu den Star­ken und Wider­stän­di­gen. Oder man geht viel­leicht erst­ma­lig in sei­nem Leben auf die Stra­ßen aus Angst vor dem Erstar­ken der Faschis­ten, vol­ler Angst, dass es wie­der wird wie damals“…
Und – zack! – sind Lager ent­stan­den, die sich gegen­sei­tig abstempeln.

Auf­fäl­lig sind große Über­schnei­dun­gen der Corona-Leug­ner, Impf­geg­ner, Ver­schwö­rungs­an­hän­ger und Kri­ti­ker der Hil­fen für die Ukraine und ihre Flüch­ten­den. Und nun geht’s wei­ter mit den Geg­nern der E-Mobi­li­tät, die sich wie­derum zu einem gro­ßen Teil aus die­ser Gruppe rekrutieren.

Psy­cho­dy­na­mik der Angst und Abwehr

Die­sen Weg von der Angst zu ver­mehr­tem Rechts­po­pu­lis­mus möchte ich im Fol­gen­den mit Ihnen aus psy­cho­dy­na­mi­scher Sicht betrachten.

Angst ist ein unan­ge­neh­mes Gefühl. Es hat zu tun mit Bedro­hung, Hilf­lo­sig­keit, Abhän­gig­keit, Unter­le­gen­heit, Miss­trauen…
Ich kann Angst haben um meine Exis­tenz, um meine finan­zi­elle Situa­tion, um meine Zukunft, meine Gesund­heit. Und wie ich es dar­ge­stellt habe, sehe ich gerade viele Gründe dafür, dass Men­schen Angst haben, dass Men­schen von den aktu­el­len Ver­än­de­run­gen über­for­dert sind und Angst entwickeln.

Der Mensch will keine Angst haben, er will sie los­wer­den. Des­we­gen wen­det er eine ganze Menge Stra­te­gien an, soge­nannte Abwehr­stra­te­gien. Und die sprin­gen teil­weise sehr schnell an, so dass dann die zu Grunde lie­gende Angst kaum noch greif­bar ist. Der eine geht eher in eine Art Angriffs­hal­tung, der andere zieht sich eher zurück. Um die Angst los­zu­wer­den, ver­mei­det der Mensch z.B. die Aus­lö­ser von Angst. Oder er ver­leug­net, Angst zu haben. Er ver­schiebt aber auch die Angst gerne auf andere, indem er sich über andere erhebt. Dann ist er nicht mehr aus­ge­lie­fert und hilf­los, son­dern über­le­gen und mäch­tig. Oder er macht für seine Angst einen Schul­di­gen fest. Der Mensch kon­zen­triert sich in Angst auf sich und schot­tet sich nach außen ab. Er neigt zu einem über­sicht­li­chen schwarz-weiß-Den­ken, bei dem es ein kla­res Rich­tig und ein ein­deu­ti­ges Falsch gibt. 

Er sucht den Hel­fer, den Kräf­ti­gen, das ideale Objekt, das ihm Ori­en­tie­rung gibt, und er ent­wer­tet den, der ihn noch mehr belas­ten und sei­ner Kräfte berau­ben könnte. Die Fähig­kei­ten der Psy­che sind in ängst­li­cher Anspan­nung redu­ziert, also das breite Spek­trum des Den­kens und Füh­lens. Durch diese Ver­ein­fa­chung wird der Mensch wie­der Herr über seine ganz eigene Wahr­heit, die ihn etwas beruhigt.

Der ängst­li­che, ver­un­si­cherte Mensch ist daher für Heils­ver­spre­chen anfäl­lig, unab­hän­gig von deren Wahr­heits­ge­halt. Sol­che Heils­ver­spre­cher gau­keln Ein­füh­lung vor, legen den Fin­ger in die Wun­den des Vol­kes und geben pola­ri­sie­rende Bot­schaf­ten zu den betref­fen­den The­men, d.h. sie bie­ten die beschrie­bene Abwehr des unan­ge­neh­men Gefühls Angst an. Die Men­schen füh­len sich ver­stan­den, erleich­tert und gestärkt. Dann gibt es die ein­fa­chen, ein­gän­gi­gen Paro­len des Popu­lis­mus statt der über­for­dern­den Kom­ple­xi­tät der Situa­tion, es gibt rich­tig und falsch statt Dis­kurs, es gibt gute und schlechte Men­schen und damit Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus statt einer För­de­rung von Inte­gra­tion und Mit­ein­an­der, es gibt das Stre­ben nach Macht und Über­le­gen­heit und keine Zeit- und Ener­gie­ver­schwen­dung durch Ein­füh­lung für die Schwachen.

Indi­vi­du­elle Prä­gun­gen und unbe­wusste Weitergabe

Doch ich möchte über gesell­schaft­li­che Ängste hin­aus auch ein­ge­hen auf die Ursa­chen indi­vi­du­el­ler Ängste und ihrer Erschei­nungs­bil­der.
So man­che Welt­bil­der und Ein­stel­lun­gen wer­den trans­ge­ne­ra­tio­nal wei­ter­ge­ge­ben, nicht sel­ten auch Kon­flikt­ma­te­rial. Ein wei­ter­ge­ge­be­ner unge­lös­ter Kon­flikt kann  z.B. sein: Passt man sich lie­ber an oder muss ich auf jeden Fall unab­hän­gig blei­ben?“ Aber auch ein­sei­tige Ten­den­zen kön­nen unbe­wusst wei­ter­ge­ge­ben wer­den,  z.B. die Bot­schaft Das lässt du dir nie gefal­len!“  oder Dir muss es auf jeden Fall bes­ser gehen als mir frü­her!“ Sol­che oft unbe­wuss­ten Bot­schaf­ten von Eltern und Groß­el­tern sind anfäl­lig für Kri­sen, auch für poli­tisch-gesell­schaft­li­che Krisen.

Aber auch die eigene Kind­heit, Jugend und bis­he­rige Prä­gung kön­nen mich mehr oder weni­ger anfäl­lig für Kri­sen machen. Wie gehe ich mit Ver­än­de­run­gen in der Fami­lie, in Grup­pen, in der Gesell­schaft und vor allem mit den damit ver­bun­de­nen Ängs­ten um?
In poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen geht es oft um Fra­gen der Auto­ri­tät: Unter­werfe ich mich, passe ich mich an, stimme ich zu in Iden­ti­fi­zie­rung mit der Auto­ri­tät? Viel­leicht kenne ich aus Angst vor Strafe kei­nen ande­ren Weg.
Oder will ich die Kon­trolle in der Hand behal­ten und leiste Wider­stand gegen die Auto­ri­tät? Viel­leicht war ich schon immer so, schon als Kind wider­stän­dig. Dann brau­che ich das Gefühl von Selbst­wirk­sam­keit im Pro­test. Oder ich kann jetzt end­lich mal Wider­stand leis­ten, nach­dem ich mich viel zu lange ange­passt habe.

Innere Balance und psy­chi­sche Bewältigung

Sie ahnen, dass kind­li­che Erfah­run­gen und fami­liäre Prä­gun­gen hier gro­ßen Ein­fluss dar­auf neh­men, wie ich mit Ängs­ten umge­hen kann.

Was ist gesund? Ein Mit­tel­weg! Eine Kom­pro­miss! Die Fähig­keit abzu­war­ten und sich ggf. anpas­sen zu kön­nen und auch kri­tisch zu den­ken, abzu­wä­gen und die eige­nen Gedan­ken kon­struk­tiv ein­zu­brin­gen.
Diese Fähig­kei­ten kön­nen aus guten trans­ge­ne­ra­tio­na­len Quel­len stam­men wie aus för­der­li­chen Erfah­run­gen in Kind­heit und Jugend, in Fami­lie, Kin­der­gar­ten, Schule, Ver­ei­nen etc. Es kann aber auch sein, dass ich – sowohl in auto­ri­tä­rer, als auch in anti­au­to­ri­tä­rer Erzie­hung – nicht aus­rei­chend Gele­gen­heit hatte, die innere Balance, mit ver­än­der­ten Sys­te­men klar­zu­kom­men, zu entwickeln.

Gute Anpas­sungs­fä­hig­keit und Fle­xi­bi­li­tät – den­ken Sie an die Maß­nah­men der Regie­rung wäh­rend der Pan­de­mie! – wer­den über­stra­pa­ziert, wenn ich keine inne­ren Kom­pro­misse, keine Balance hin­be­komme. Alte unbe­wusste Ängste und Unsi­cher­hei­ten wer­den dann belebt: Ich kann Angst wie vor den Auto­ri­tä­ten mei­ner Bio­gra­phie bekom­men und mich unter­wer­fen, also mich anpas­sen wie frü­her vor den stren­gen Eltern, dem zor­ni­gen gro­ßen Bru­der, den bösen Mit­schü­lern, dem stra­fen­den Leh­rer oder dem auto­ri­tä­ren Staat oder – wie als Kind schon oder end­lich mal heute, wenn ich die Gele­gen­heit dazu ange­bo­ten bekomme – in trot­zi­gen Pro­test gehen und mich allen Beru­hi­gungs­ver­su­chen und Erklä­run­gen gegen­über ver­schlie­ßen. Ich kann aber auch Angst vor Ver­lo­ren­heit mit mei­ner Angst bekom­men, z.B. wenn ich ein­sam lebe und ohne gute Kon­takte, und diese Angst dann mit Wut abweh­ren, die mir wie­der ein Gefühl zu leben gibt und wich­tig zu sein. So oder ähn­lich könnte das Phä­no­men  Wut­bür­ger“ zu erklä­ren sein.

Schuld­ge­fühle, Iden­ti­fi­ka­tion und Abwehr

Ein wei­te­res typi­sches Kon­flikt­thema wäh­rend poli­ti­scher Kri­sen ist das Schuld­thema. Span­nun­gen füh­ren dann zum Sor­tie­ren in gut und böse, in rich­tig und falsch, die Men­schen wer­den ver­mehrt Ego­is­ten und Altru­is­ten.
Auch das möchte ich Ihnen genauer erklä­ren.
Mein Gewis­sen ist wich­tig, meine Schuld­ge­fühle geben mir ein Maß, ob ich mich auch genug an soziale Nor­men halte. In der Kind­heit werde ich sehr unter­schied­lich belohnt oder mit Schuld­zu­wei­sung bedacht, je nach mei­nem Ver­hal­ten. Die Auf­gabe ist es, ein Gleich­ge­wicht zu ent­wi­ckeln zwi­schen dem not­wen­di­gen Über­ge­hen ande­rer und der not­wen­di­gen Zurück­stel­lung der eige­nen Person.

Neh­men Sie hier das Bei­spiel Mas­ken- oder Impf­pflicht wäh­rend der Pan­de­mie“! Wenn ich mich nicht anpas­sen kann, die Maske nicht trage, könn­ten mir Schuld­zu­wei­sun­gen und Schuld­ge­fühle dro­hen, andere anzu­ste­cken. Dann kann ich trot­zig sein, wütend, ich kann auch die Rea­li­tät ver­zer­ren und lügen und meine Lügen am Ende noch sel­ber glau­ben. So könnte das Phä­no­men Quer­den­ker“ ver­stan­den wer­den.
Es hängt sehr vom Vor­bild ab, das ich in Kind­heit und Jugend hatte, und ohne das wehre ich meine Schuld­ge­fühle ggf. so mas­siv ab, dass ich am Ende keine Empa­thie mehr habe.

Aktua­li­sierte Kon­flikte in der poli­ti­schen Krise

Sie haben sicher eine Ahnung davon bekom­men, wie tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Dyna­mi­ken mit­wir­ken kön­nen in poli­ti­schen Kon­flik­ten.
So behaupte ich, dass in einer poli­ti­schen Krise innere unbe­wusste Kon­flikte – trans­ge­ne­ra­tio­nal wei­ter­ge­ge­ben oder durch Prä­gun­gen in Kind­heit und Jugend – in den Men­schen aktua­li­siert wer­den, auch wenn sie ein ganz unter­schied­li­ches Bild nach außen abge­ben: von Ohn­machts­ge­füh­len, Resi­gna­tion und nicht hin­ter­fra­gen­der Anpas­sung bis hin zu wüten­dem Ein­for­dern von Kon­trolle und Wirk­mäch­tig­keit, von ego­is­ti­schem Geba­ren bis hin zu über­mä­ßi­ger Selbstaufgabe.

Die trans­ge­ne­ra­tio­nale Schuldfrage

Auch bzgl. unse­res Umgangs mit der Schuld der Deut­schen an den Gräu­el­ta­ten wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus schei­den sich gerade die Geis­ter.
Unsere elter­li­chen Prä­gun­gen sind stark. V.a. trans­ge­ne­ra­tio­nale Schuld ist mäch­tig. Hin­ter­frage ich diese inne­ren Eltern und Groß­el­tern, kann ich ziem­lich unsi­cher werden.

Und das ist eine kom­plexe Auf­gabe zwi­schen Ängs­ten, sich mit Tätern zu iden­ti­fi­zie­ren und Ängs­ten, sich von die­ser Schuld frei­spre­chen zu wollen.

Was Men­schen in Angst brauchen

Was braucht der Mensch in Angst machen­den und ver­un­si­chern­den Situa­tio­nen tat­säch­lich?
 
In der Psy­cho­the­ra­pie nen­nen wir es Con­tain­ment. Das ist Ein­füh­lung, Ver­ständ­nis und Halt im zwi­schen­mensch­li­chen Kon­takt, damit gemein­sam wie­der nach guten Lösun­gen gesucht wer­den kann.

Wenn wir auf die, die ihre Angst mäch­tig abweh­ren, unse­rer­seits mit Unver­ständ­nis, Wut, Ent­wer­tung oder Spott reagie­ren, dann ver­stär­ken wir mei­nes Erach­tens die Mecha­nis­men, die in unse­rer Gesell­schaft aktu­ell zur Pola­ri­sie­rung geführt haben, dann trei­ben wir einen Teu­fels­kreis aus Angst, Wut und Pola­ri­sie­rung nur noch mehr an.
Selbst­ver­ständ­lich müs­sen alle Ver­stöße gegen unser Rechts­sys­tem kon­se­quent geahn­det wer­den, doch wird unsere Gesell­schaft nur durch Ver­trauen, Zuver­sicht, Ver­net­zung, Gesprä­che, Dees­ka­la­tion, Empa­thie, allen­falls leichte Iro­nie, Bil­dung, För­de­rung von Selbst­wirk­sam­keit und ins­ge­samt einen lan­gen Atmen wie­der mehr zusammenwachsen.

Was Poli­tik und Gesell­schaft tun können

Par­teien soll­ten nicht nur ratio­nal argu­men­tie­ren, son­dern die Ängste und emo­tio­na­len Bedürf­nisse der Bevöl­ke­rung auf­grei­fen und auf sie ein­ge­hen. Sie soll­ten die Situa­tion nicht beschö­ni­gen.

Es braucht die Bot­schaft: Wir sehen euch. Wir füh­len mit euch. Wir ver­ste­hen euch.

Dadurch wer­den Men­schen weni­ger mani­pu­lier­bar.
Es ist höchste Zeit, damit den Rechts­po­pu­lis­ten den Boden zu ent­zie­hen für ihre Mischung aus Ideo­lo­gie, Miss­brauch der Emo­tio­nen und Mani­pu­la­tion, denn sonst ist unser gesell­schaft­li­ches Zusam­men­le­ben in Gefahr.

Ansatz­punkte im All­tag: Arbeits­welt und Bildung

Ich sehe viele kon­krete Ansatz­mög­lich­kei­ten in der Berufs­welt, die wis­sen­schaft­lich von der Hans-Böck­ler- und der Fried­rich-Ebert-Stif­tung bestä­tigt sind.
Der Mensch braucht Hilfe beim Wan­del der Arbeits­welt, er braucht kol­le­giale Unter­stüt­zung, eine abwechs­lungs­rei­che Tätig­keit, eine sichere Beschäf­ti­gung, ein aus­rei­chen­des, tarif­lich struk­tu­rier­tes Ein­kom­men, Wert­schät­zung für seine Tätig­keit, er braucht Mit­ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten, das Gefühl von Würde, demo­kra­ti­scher Teil­habe und sozia­ler Aner­ken­nung – all das führt nach­weis­lich zu einer gerin­ge­ren Ten­denz zu anti­de­mo­kra­ti­schen Ansich­ten. Und hier sind die Arbeit­ge­ber und die Arbeit­neh­mer­ver­tre­tun­gen gefragt, eigent­lich jeder ein­zelne Mit­ar­bei­ter in einem Betrieb.
Doch fan­gen die Mög­lich­kei­ten, die Werte der Demo­kra­tie, unse­res Rechts­staa­tes und der Inter­na­tio­na­len Men­schen­rechte zu ver­mit­teln, selbst­ver­ständ­lich schon in der Fami­lie, im Kin­der­gar­ten, in der Schule und in den in ihrer Bedeu­tung nicht zu unter­schät­zen­den Ver­ei­nen an. Und dazu gehört auch immer eine gute Feh­ler­kul­tur, die vor­ge­lebte Fähig­keit mit Kri­tik umzugehen.

Vom Fass ohne Boden” zur spi­ri­tu­el­len Verankerung

Nun habe ich Sie zunächst mit der Defi­ni­tion von Rechts­po­pu­lis­mus kon­fron­tiert, erst in die Ängste in unse­rer Gesell­schaft getunkt, Sie dann auf die indi­vi­du­el­len Prä­gun­gen und Ängste auf­merk­sam gemacht, Ihnen Hypo­the­sen genannt, wel­che Phä­no­mene dar­auf basie­ren könn­ten, Ihnen ver­mit­telt, was nicht hilft und was hof­fent­lich hilft in Poli­tik und Gesell­schaft, und wie viel zu tun ist. Eine kaum zu bewäl­ti­gende Auf­gabe? Ein Fass ohne Boden? So mag es sich immer wie­der anfüh­len. Und daher komme ich nun zu etwas ganz Kon­kre­tem, was hilft: der Spi­ri­tua­li­tät!

Was wir tun kön­nen – fünf Schritte gegen Angst und für Verbindung

Was kön­nen wir tun gegen eigene Ängste und für einen för­der­li­chen Kon­takt mit ande­ren? Ich möchte hierzu 5 Punkte nennen:

1. Wir kön­nen wir sein. Bes­ser: Ich kann ich sein.
Ich kann mich auf mich selbst zurück­füh­ren, auf den tie­fen inne­ren Grund mei­ner Exis­tenz, kann mich spü­ren als das Geschöpf, das ich bin, unab­hän­gig von Zeit und Ort und aktu­el­lem Gesche­hen um mich herum.
Das ist meine tiefe, innere Rea­li­tät und gibt mir jeder­zeit abruf­bare Bezie­hung zu mir selbst und Sicher­heit.
Es bringt mich ins Hier und Jetzt, es lehrt mich Ein­fach­heit, es zeigt mir wirk­sa­mes Tun im All­tag, holt mich her­aus aus der Ohn­macht und lässt mich inmit­ten so man­chen Chaos’ den Geschmack der Kost­bar­keit unse­res Men­schen­le­bens erfahren.

2. Leben Sie das, wovon Sie wol­len, dass es in die­ser Welt vor­kommt!
Es tut gut und gibt uns Ruhe, wenn wir uns gut hin­wen­den zur ein­fa­chen und mensch­li­chen Zeit­lich­keit unse­res täg­li­chen Lebens und Erle­bens. Die ein­fa­chen Dinge und Pflich­ten zu tun, unsere Liebe und unsere Kom­pe­tenz aus­zu­drü­cken Tag für Tag, alle Tage unse­res Lebens. Und dabei hel­fen ritu­elle Abläufe und ins­be­son­dere regel­mä­ßi­ges Üben, uns auf das spi­ri­tu­ell Wesent­li­che zu fokussieren.

3. Gemein­schaft bil­den.
Gerade in heu­ti­ger Welt-Zeit braucht es drin­gend, dass wir ins Wir” fin­den, Gemein­schaft bil­den, ein­an­der begeg­nen, uns ver­net­zen.
Darin liegt nicht nur eine große sinn­erfüllte Macht, son­dern auch ein Gebot der Stunde. Wo so viel Spal­tung, Tren­nung und Abwer­tung, gar Hass und Zer­stö­rungs­kraft umgeht, ist es so wesent­lich, unser Ver­schie­den­s­ein zu leben und zu ver­ste­hen, zu ent­de­cken und zu tei­len – in unse­rem Ähn­lich­sein und in unse­rem Ver­schie­den­s­ein, so mensch­lich, so leben­dig, uns immer wie­der als Aus­druck des einen Gro­ßen, über allem Ste­hen­den zu fühlen.

4. Der Stimme des Her­zens fol­gen.
Wir soll­ten wie­der mehr auf das in uns hören, das uns sagt, was wahr, was wirk­lich und was gut ist. Wir soll­ten uns wie­der mehr unse­rer inne­ren Füh­rung, unse­rer inne­ren Weis­heit anver­trauen, soll­ten wie­der zur Unbe­stech­lich­keit des schau­en­den Her­zens fin­den. Das kann auch bedeu­ten, dass wir zu einem neuen Zugang zu einer Bega­bung fin­den, mit der wir ande­ren Men­schen, unse­rem Umfeld und eigent­lich dem Grö­ße­ren des Lebens dienen.

5. Die spi­ri­tu­elle Dimen­sion neu ent­fal­ten.
In einer Zeit, in der sich viele von Reli­gion und Kir­che abwen­den, warum auch immer, braucht es drin­gend eine neue Ent­fal­tung, ein Erblü­hen und die Inte­gra­tion der spi­ri­tu­el­len Dimen­sion unse­res Mensch­seins in unser Leben, in unsere Gesell­schaft und in unse­ren All­tag. Wir brau­chen den Bezug zum Gro­ßen, zum über allem Ste­hen­den, wir brau­chen die weite Sicht, die über unse­ren bis­wei­len schmerz­li­chen, anstren­gen­den, ner­ven­den, zer­rei­ben­den All­tag hin­aus­weist, und die uns gleich­zei­tig zu dem über allem Ste­hen­den in jedem von uns zurück­führt. Denn das gibt uns wie­der die Frei­heit, wert­schät­zend und lie­bend, wach und kraft­voll, unbe­stech­lich und unab­hän­gig, authen­tisch und weise auf unser Leben und die Situa­tion um uns herum zu ant­wor­ten, jeder auf die Art und Weise, die ihm mög­lich ist.

Vie­len Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Gerda Sutthoff

Dr. med. Gerda Sutthoff ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Psychoanalyse.
Sie arbeitet seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen der ärztlichen und psychotherapeutischen Praxis – u. a. in der psychosomatischen Medizin, als Dozentin in der ärztlichen Weiterbildung, als Balintgruppenleiterin und als Supervisorin.
Neben ihrer therapeutischen Tätigkeit engagiert sie sich in der Aus- und Weiterbildung von Ärzt:innen sowie in der Beratung von Institutionen, Unternehmen und Schulen.

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