Rechtspopulismus und Angst – ein Vortrag von Dr. Gerda Sutthoff
Heute habe ich für meinen Blog einmal ein ganz anderes Thema mitgebracht – und es ist auf einer tieferen Ebene doch eng verbunden.
Angst, gesellschaftliche Spaltung, der Umgang mit Unsicherheit: Das sind nicht nur politische Phänomene, sondern auch psychodynamische Prozesse – also innere Vorgänge, bei denen unbewusste Ängste, alte Prägungen und emotionale Spannungen unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen.
Dr. Gerda Sutthoff und ich absolvieren gemeinsam eine Ausbildung in somatischer Meditation. In diesem Kontext habe ich sie als eine reflektierte und ausgesprochen klarsichtige Stimme kennengelernt – umso mehr freue ich mich, ihren Vortrag hier teilen zu dürfen.
Vortrag in der Kulturkirche Oberschüpf am 30.3.2025
Dr. med. Gerda Sutthoff
Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
– Psychoanalyse –
„Rechtspopulismus und Angst“
Einleitung und Zielsetzung
Populismus und v.a. Rechtspopulismus ist ein Phänomen, das in den vergangenen ca. 10 Jahren vermehrt benannt wurde und v.a. den Bewegungen im rechten Bereich des politischen Spektrums vorgeworfen wird. Doch auch so mancher Politiker, der sich der politischen Mitte zurechnet, verfällt bisweilen der Versuchung populistischer Reden.
Voranstellen möchte ich: Ich bin christlich sozialisiert und gehöre doch keiner der christlichen Kirchen mehr an, ebenso keiner Partei.
Zunächst möchte ich eine Begriffsdefinition voranstellen, was unter Rechtspopulismus überhaupt zu verstehen ist. Dann werde ich die Faktoren nennen, die meines Erachtens seit einigen Jahren und ganz aktuell zusammenkommen und zu einer vermehrten Angst in der Gesellschaft führen. In einer Mischung aus psychoanalytischen und gesellschaftspolitischen Gedanken möchte ich Ihnen – insbesondere mit Blick auf zu Grunde liegende Ängste – Hypothesen vorstellen und damit nachvollziehbar machen, wie es beim Einzelnen und in der Gesellschaft zu einer solchen Rechts-Verschiebung kommen kann, wie wir sie erleben. Und ich möchte schließlich auch nicht versäumen, meine Ideen dazu zu äußern, was wir alle tun können gegen die Erfolge der Rechtspopulisten. Das halte ich für eine wesentliche politische und gesellschaftliche Aufgabe. Und dabei möchte ich schließlich auch jeden von Ihnen auf die in uns allen vorhandenen spirituellen Ressourcen aufmerksam machen.
Begriffsklärung: Was ist Rechtspopulismus?
Zunächst die Begriffsdefinition:
Populismus ist definiert als eine „politische Bewegung, die die Interessen, kulturellen Wesenszüge und spontanen Empfindungen der einfachen Bevölkerung hervorhebt, im Gegensatz zu denen einer privilegierten Elite“ – so formuliert in der Encyclopedia of Democracy.
Und was ist dann Rechts-Populismus?
Die Bundeszentrale für politische Bildung findet klare Worte. Ich zitiere: „ Unter Rechtspopulismus versteht man eine politische Strategie, die autoritäre Vorstellungen vertritt und verbreitete rassistische Vorurteile ausnutzt und verstärkt.“ Dazu verwende der Rechtspopulismus „demagogische Argumentation“, mit der “das einfache Volk” gegen “die da oben” gestärkt werden solle. Diese “Wir-Gruppe” grenze sich nicht nur nach oben, sondern auch strikt nach außen ab, beispielsweise gegen andere ethnische oder religiöse Gruppen. Soziale Missstände und Kriminalität würden durch rassische oder kulturelle Besonderheiten erklärt.
Der Begriff “Rechtspopulismus” werde verwendet, um eine gemäßigte Form von „Rechtsextremismus“ zu bezeichnen. Mit „Rechtspopulismus“ werde eher eine politische Strategie als eine geschlossene Ideologie bezeichnet. Er zeichne sich oft aus durch inszenierte Tabubrüche, das Einfordern radikaler Lösungen und den Hang zu Verschwörungstheorien. Rechtspopulisten seien Vertreter autoritärer Politikkonzepte, sie forderten “mehr Härte” gegen Straftäter oder Randgruppen oder schürten Ängste vor einer “Überflutung” und “Überfremdung” durch Migranten. Sie begründeten dies mit konservativen Werten. So betonten Rechtspopulisten gern ihre Verfassungstreue, um nicht extrem zu wirken – doch stellten sie in ihrer Agitation Grundwerte wie Menschenwürde, Gleichheit, Minderheitenschutz, Diskriminierungsverbot usw. in Frage. Soweit die Bundeszentrale für politische Bildung.
Gesellschaftliche Entwicklungen und Angst
Ich komme zum Thema „Angst“:
In unserer Gesellschaft gibt es seit mehreren Jahren verschiedene Gründe und Auslöser für vielfältige Ängste.
Individuell und im familiären Kontext sind in den letzten Jahrzehnten in großem Umfang Halt gebende konfessionelle Strukturen und ethisch-religiöse Werte weggefallen.
Man könnte fast sagen: im Gegenzug ist der Einfluss des Internets größer geworden. Neben manchem Segen drohen hier Gefahren durch Fake-News, ungute Meinungsmanipulation auch durch andere Staaten und Missbrauch der sogenannten Künstlichen Intelligenz. Was wir früher als die „Wahrheit“ z.B. in der Tagesschau angesehen haben, wird heute von Infragestellungen aller Art pulverisiert.
Für viele Menschen hat der Arbeitsplatz eine familienähnliche, stabilisierende Bedeutung. Innerbetriebliche demokratische Strukturen mit Betriebsrat und Kündigungsschutz haben jedoch an Verbindlichkeit verloren.
Für manchen Bewohner der früheren DDR hat die „Wende“, die Verheißung „blühender Landschaften“ tatsächlich eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität bewirkt. Doch für viele war sie eine Verunsicherung ihrer zuvor bestehenden, wenn auch bescheideneren Lebensbedingungen. Sie erlebten die Veränderungen in ihrem Land eher mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und Auslieferung im Sinne einer Machtübernahme nach kapitalistischen Interessen, ohne ein in ihnen gewachsenes demokratisches Wertempfinden und Verständnis für die teilweise komplexen Prozesse in der Bundesrepublik.
Globalisiertes Denken lässt den einzelnen, der sich nicht gerade als „Player“ empfindet und darstellt, noch kleiner empfinden.
Der Klimawandel und seine Auswirkungen wird uns nun von Wissenschaftlern immer eindringlicher mit seinem bedrohlichen exponentiellen Verlauf vor Augen geführt.
Die Corona-Pandemie hat uns nahezu schlagartig und ohne Erfahrungswerte mit einer Situation von Seuchengefahr konfrontiert, Ängste ausgelöst vor Erkrankung wie Ängste vor einer Impfung. Politische Entscheidungen sollten uns Sicherheit geben, führten aber in großem Ausmaß zu einem Erleben von Willkür, sie lösten ihrerseits Bedrohungen, Belastungen und Ängste aus.
Der kriegerische Angriff Russlands auf die Ukraine 1000 km von uns entfernt zeigt uns: Die Grenzen eines Landes in unserer Nähe sind offensichtlich nicht mehr sicher. Und Trumps Gebaren gegenüber Grönland setzt dieser Erfahrung noch einen Hut auf. Die Grenzen und Bezeichnungen im Weltatlas geraten in beängstigender Art und Weise in Bewegung.
Überall werden wir mit steigenden Kosten konfrontiert. Viele Menschen, jüngere und ältere, erleben sich hilflos als Opfer einer größer werdenden Spanne zwischen arm und reich. Nach Jahren, in denen kontinuierliches Wachstum das Normale war, nimmt der Wohlstand ab. Nur sehr wenige scheinen dafür umso mehr Geld zu haben.
Das Gefühl der Bedrohung, der Zurücksetzung, der Ungerechtigkeit, der Ohnmacht wird subjektiv stärker, ohne durch eine Erfahrung von Vertrauen zu denen, die entscheiden und führen, sowie ausreichende Selbstwirksamkeit ausgeglichen zu werden.
Flucht, Überforderung und Polarisierung
So, und zu all dem kommen dann noch die Flüchtlinge, die fremd aussehen, die nicht unsere Sprache sprechen, zu denen kein gewachsenes Vertrauen besteht, die dann auch noch teilweise durch Straftaten auffallen. Für die soll man aber Verständnis haben, und die bekommen unsere Steuergelder. Unser Leben ist doch schon so überfordernd und aus den Fugen geraten! Unsere Ängste sind doch noch gar nicht wieder besänftigt! Dann macht es den einen Angst, dass sie noch mehr um ihre Rechte und Sicherheiten fürchten müssen. Und den anderen macht es Angst, dass schon seit 2015 die Menschenrechte sich auflösen, wenn man Flüchtlinge im Mittelmeer nicht vor dem Ertrinken rettet, denn das bedeutet, dass nicht mehr jeder Mensch gleich ist und die gleichen Rechte zu leben hat. Und solch ein System macht auch Angst.
Und dann geht man vielleicht auf die Straßen und schreit seine Wut heraus, weil man von all den Zusammenhängen überfordert ist, keine Lust mehr hat auf Einschränkungen, niemandem mehr richtig glauben kann und dann halt denen nachläuft, die Macht und Heil so versprechen und erklären, dass es sich einfach und logisch anhört, denn dann gehört man wieder zu den Starken und Widerständigen. Oder man geht vielleicht erstmalig in seinem Leben auf die Straßen aus Angst vor dem Erstarken der Faschisten, voller Angst, dass es wieder wird „wie damals“…
Und – zack! – sind Lager entstanden, die sich gegenseitig abstempeln.
Auffällig sind große Überschneidungen der Corona-Leugner, Impfgegner, Verschwörungsanhänger und Kritiker der Hilfen für die Ukraine und ihre Flüchtenden. Und nun geht’s weiter mit den Gegnern der E-Mobilität, die sich wiederum zu einem großen Teil aus dieser Gruppe rekrutieren.
Psychodynamik der Angst und Abwehr
Diesen Weg von der Angst zu vermehrtem Rechtspopulismus möchte ich im Folgenden mit Ihnen aus psychodynamischer Sicht betrachten.
Angst ist ein unangenehmes Gefühl. Es hat zu tun mit Bedrohung, Hilflosigkeit, Abhängigkeit, Unterlegenheit, Misstrauen…
Ich kann Angst haben um meine Existenz, um meine finanzielle Situation, um meine Zukunft, meine Gesundheit. Und wie ich es dargestellt habe, sehe ich gerade viele Gründe dafür, dass Menschen Angst haben, dass Menschen von den aktuellen Veränderungen überfordert sind und Angst entwickeln.
Der Mensch will keine Angst haben, er will sie loswerden. Deswegen wendet er eine ganze Menge Strategien an, sogenannte Abwehrstrategien. Und die springen teilweise sehr schnell an, so dass dann die zu Grunde liegende Angst kaum noch greifbar ist. Der eine geht eher in eine Art Angriffshaltung, der andere zieht sich eher zurück. Um die Angst loszuwerden, vermeidet der Mensch z.B. die Auslöser von Angst. Oder er verleugnet, Angst zu haben. Er verschiebt aber auch die Angst gerne auf andere, indem er sich über andere erhebt. Dann ist er nicht mehr ausgeliefert und hilflos, sondern überlegen und mächtig. Oder er macht für seine Angst einen Schuldigen fest. Der Mensch konzentriert sich in Angst auf sich und schottet sich nach außen ab. Er neigt zu einem übersichtlichen schwarz-weiß-Denken, bei dem es ein klares Richtig und ein eindeutiges Falsch gibt.
Der Mensch neigt in angstvoller Anspannung zum Tunnelblick.
Er sucht den Helfer, den Kräftigen, das ideale Objekt, das ihm Orientierung gibt, und er entwertet den, der ihn noch mehr belasten und seiner Kräfte berauben könnte. Die Fähigkeiten der Psyche sind in ängstlicher Anspannung reduziert, also das breite Spektrum des Denkens und Fühlens. Durch diese Vereinfachung wird der Mensch wieder Herr über seine ganz eigene Wahrheit, die ihn etwas beruhigt.
Der ängstliche, verunsicherte Mensch ist daher für Heilsversprechen anfällig, unabhängig von deren Wahrheitsgehalt. Solche Heilsversprecher gaukeln Einfühlung vor, legen den Finger in die Wunden des Volkes und geben polarisierende Botschaften zu den betreffenden Themen, d.h. sie bieten die beschriebene Abwehr des unangenehmen Gefühls Angst an. Die Menschen fühlen sich verstanden, erleichtert und gestärkt. Dann gibt es die einfachen, eingängigen Parolen des Populismus statt der überfordernden Komplexität der Situation, es gibt richtig und falsch statt Diskurs, es gibt gute und schlechte Menschen und damit Diskriminierung und Rassismus statt einer Förderung von Integration und Miteinander, es gibt das Streben nach Macht und Überlegenheit und keine Zeit- und Energieverschwendung durch Einfühlung für die Schwachen.
Individuelle Prägungen und unbewusste Weitergabe
Doch ich möchte über gesellschaftliche Ängste hinaus auch eingehen auf die Ursachen individueller Ängste und ihrer Erscheinungsbilder.
So manche Weltbilder und Einstellungen werden transgenerational weitergegeben, nicht selten auch Konfliktmaterial. Ein weitergegebener ungelöster Konflikt kann z.B. sein: „Passt man sich lieber an oder muss ich auf jeden Fall unabhängig bleiben?“ Aber auch einseitige Tendenzen können unbewusst weitergegeben werden, z.B. die Botschaft „Das lässt du dir nie gefallen!“ oder „Dir muss es auf jeden Fall besser gehen als mir früher!“ Solche oft unbewussten Botschaften von Eltern und Großeltern sind anfällig für Krisen, auch für politisch-gesellschaftliche Krisen.
Aber auch die eigene Kindheit, Jugend und bisherige Prägung können mich mehr oder weniger anfällig für Krisen machen. Wie gehe ich mit Veränderungen in der Familie, in Gruppen, in der Gesellschaft und vor allem mit den damit verbundenen Ängsten um?
In politischen Einstellungen geht es oft um Fragen der Autorität: Unterwerfe ich mich, passe ich mich an, stimme ich zu in Identifizierung mit der Autorität? Vielleicht kenne ich aus Angst vor Strafe keinen anderen Weg.
Oder will ich die Kontrolle in der Hand behalten und leiste Widerstand gegen die Autorität? Vielleicht war ich schon immer so, schon als Kind widerständig. Dann brauche ich das Gefühl von Selbstwirksamkeit im Protest. Oder ich kann jetzt endlich mal Widerstand leisten, nachdem ich mich viel zu lange angepasst habe.
Innere Balance und psychische Bewältigung
Sie ahnen, dass kindliche Erfahrungen und familiäre Prägungen hier großen Einfluss darauf nehmen, wie ich mit Ängsten umgehen kann.
Was ist gesund? Ein Mittelweg! Eine Kompromiss! Die Fähigkeit abzuwarten und sich ggf. anpassen zu können und auch kritisch zu denken, abzuwägen und die eigenen Gedanken konstruktiv einzubringen.
Diese Fähigkeiten können aus guten transgenerationalen Quellen stammen wie aus förderlichen Erfahrungen in Kindheit und Jugend, in Familie, Kindergarten, Schule, Vereinen etc. Es kann aber auch sein, dass ich – sowohl in autoritärer, als auch in antiautoritärer Erziehung – nicht ausreichend Gelegenheit hatte, die innere Balance, mit veränderten Systemen klarzukommen, zu entwickeln.
Gute Anpassungsfähigkeit und Flexibilität – denken Sie an die Maßnahmen der Regierung während der Pandemie! – werden überstrapaziert, wenn ich keine inneren Kompromisse, keine Balance hinbekomme. Alte unbewusste Ängste und Unsicherheiten werden dann belebt: Ich kann Angst wie vor den Autoritäten meiner Biographie bekommen und mich unterwerfen, also mich anpassen wie früher vor den strengen Eltern, dem zornigen großen Bruder, den bösen Mitschülern, dem strafenden Lehrer oder dem autoritären Staat oder – wie als Kind schon oder endlich mal heute, wenn ich die Gelegenheit dazu angeboten bekomme – in trotzigen Protest gehen und mich allen Beruhigungsversuchen und Erklärungen gegenüber verschließen. Ich kann aber auch Angst vor Verlorenheit mit meiner Angst bekommen, z.B. wenn ich einsam lebe und ohne gute Kontakte, und diese Angst dann mit Wut abwehren, die mir wieder ein Gefühl zu leben gibt und wichtig zu sein. So oder ähnlich könnte das Phänomen „Wutbürger“ zu erklären sein.
Schuldgefühle, Identifikation und Abwehr
Ein weiteres typisches Konfliktthema während politischer Krisen ist das Schuldthema. Spannungen führen dann zum Sortieren in gut und böse, in richtig und falsch, die Menschen werden vermehrt Egoisten und Altruisten.
Auch das möchte ich Ihnen genauer erklären.
Mein Gewissen ist wichtig, meine Schuldgefühle geben mir ein Maß, ob ich mich auch genug an soziale Normen halte. In der Kindheit werde ich sehr unterschiedlich belohnt oder mit Schuldzuweisung bedacht, je nach meinem Verhalten. Die Aufgabe ist es, ein Gleichgewicht zu entwickeln zwischen dem notwendigen Übergehen anderer und der notwendigen Zurückstellung der eigenen Person.
Nehmen Sie hier das Beispiel „Masken- oder Impfpflicht während der Pandemie“! Wenn ich mich nicht anpassen kann, die Maske nicht trage, könnten mir Schuldzuweisungen und Schuldgefühle drohen, andere anzustecken. Dann kann ich trotzig sein, wütend, ich kann auch die Realität verzerren und lügen und meine Lügen am Ende noch selber glauben. So könnte das Phänomen „Querdenker“ verstanden werden.
Es hängt sehr vom Vorbild ab, das ich in Kindheit und Jugend hatte, und ohne das wehre ich meine Schuldgefühle ggf. so massiv ab, dass ich am Ende keine Empathie mehr habe.
Aktualisierte Konflikte in der politischen Krise
Sie haben sicher eine Ahnung davon bekommen, wie tiefenpsychologische Dynamiken mitwirken können in politischen Konflikten.
So behaupte ich, dass in einer politischen Krise innere unbewusste Konflikte – transgenerational weitergegeben oder durch Prägungen in Kindheit und Jugend – in den Menschen aktualisiert werden, auch wenn sie ein ganz unterschiedliches Bild nach außen abgeben: von Ohnmachtsgefühlen, Resignation und nicht hinterfragender Anpassung bis hin zu wütendem Einfordern von Kontrolle und Wirkmächtigkeit, von egoistischem Gebaren bis hin zu übermäßiger Selbstaufgabe.
Die transgenerationale Schuldfrage
Auch bzgl. unseres Umgangs mit der Schuld der Deutschen an den Gräueltaten während des Nationalsozialismus scheiden sich gerade die Geister.
Unsere elterlichen Prägungen sind stark. V.a. transgenerationale Schuld ist mächtig. Hinterfrage ich diese inneren Eltern und Großeltern, kann ich ziemlich unsicher werden.
Gerade unsere historische Schuld benötigt viel Arbeit an einem Kompromiss zwischen Annahme der Schuld und Abgrenzung von Schuld.
Und das ist eine komplexe Aufgabe zwischen Ängsten, sich mit Tätern zu identifizieren und Ängsten, sich von dieser Schuld freisprechen zu wollen.
Was Menschen in Angst brauchen
Was braucht der Mensch in Angst machenden und verunsichernden Situationen tatsächlich?
In der Psychotherapie nennen wir es Containment. Das ist Einfühlung, Verständnis und Halt im zwischenmenschlichen Kontakt, damit gemeinsam wieder nach guten Lösungen gesucht werden kann.
Wenn wir auf die, die ihre Angst mächtig abwehren, unsererseits mit Unverständnis, Wut, Entwertung oder Spott reagieren, dann verstärken wir meines Erachtens die Mechanismen, die in unserer Gesellschaft aktuell zur Polarisierung geführt haben, dann treiben wir einen Teufelskreis aus Angst, Wut und Polarisierung nur noch mehr an.
Selbstverständlich müssen alle Verstöße gegen unser Rechtssystem konsequent geahndet werden, doch wird unsere Gesellschaft nur durch Vertrauen, Zuversicht, Vernetzung, Gespräche, Deeskalation, Empathie, allenfalls leichte Ironie, Bildung, Förderung von Selbstwirksamkeit und insgesamt einen langen Atmen wieder mehr zusammenwachsen.
Wenn wir in gutem Kontakt mit unseren eigenen Ängsten sind, können wir auch den Zugang zu den Ängsten anderer eher finden – ich sage nicht, dass das leicht ist!
Was Politik und Gesellschaft tun können
Parteien sollten nicht nur rational argumentieren, sondern die Ängste und emotionalen Bedürfnisse der Bevölkerung aufgreifen und auf sie eingehen. Sie sollten die Situation nicht beschönigen.
Es braucht die Botschaft: Wir sehen euch. Wir fühlen mit euch. Wir verstehen euch.
Dadurch werden Menschen weniger manipulierbar.
Es ist höchste Zeit, damit den Rechtspopulisten den Boden zu entziehen für ihre Mischung aus Ideologie, Missbrauch der Emotionen und Manipulation, denn sonst ist unser gesellschaftliches Zusammenleben in Gefahr.
Ansatzpunkte im Alltag: Arbeitswelt und Bildung
Ich sehe viele konkrete Ansatzmöglichkeiten in der Berufswelt, die wissenschaftlich von der Hans-Böckler- und der Friedrich-Ebert-Stiftung bestätigt sind.
Der Mensch braucht Hilfe beim Wandel der Arbeitswelt, er braucht kollegiale Unterstützung, eine abwechslungsreiche Tätigkeit, eine sichere Beschäftigung, ein ausreichendes, tariflich strukturiertes Einkommen, Wertschätzung für seine Tätigkeit, er braucht Mitgestaltungsmöglichkeiten, das Gefühl von Würde, demokratischer Teilhabe und sozialer Anerkennung – all das führt nachweislich zu einer geringeren Tendenz zu antidemokratischen Ansichten. Und hier sind die Arbeitgeber und die Arbeitnehmervertretungen gefragt, eigentlich jeder einzelne Mitarbeiter in einem Betrieb.
Doch fangen die Möglichkeiten, die Werte der Demokratie, unseres Rechtsstaates und der Internationalen Menschenrechte zu vermitteln, selbstverständlich schon in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und in den in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzenden Vereinen an. Und dazu gehört auch immer eine gute Fehlerkultur, die vorgelebte Fähigkeit mit Kritik umzugehen.
Vom “Fass ohne Boden” zur spirituellen Verankerung
Nun habe ich Sie zunächst mit der Definition von Rechtspopulismus konfrontiert, erst in die Ängste in unserer Gesellschaft getunkt, Sie dann auf die individuellen Prägungen und Ängste aufmerksam gemacht, Ihnen Hypothesen genannt, welche Phänomene darauf basieren könnten, Ihnen vermittelt, was nicht hilft und was hoffentlich hilft in Politik und Gesellschaft, und wie viel zu tun ist. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe? Ein Fass ohne Boden? So mag es sich immer wieder anfühlen. Und daher komme ich nun zu etwas ganz Konkretem, was hilft: der Spiritualität!
Was wir tun können – fünf Schritte gegen Angst und für Verbindung
Was können wir tun gegen eigene Ängste und für einen förderlichen Kontakt mit anderen? Ich möchte hierzu 5 Punkte nennen:
1. Wir können wir sein. Besser: Ich kann ich sein.
Ich kann mich auf mich selbst zurückführen, auf den tiefen inneren Grund meiner Existenz, kann mich spüren als das Geschöpf, das ich bin, unabhängig von Zeit und Ort und aktuellem Geschehen um mich herum.
Das ist meine tiefe, innere Realität und gibt mir jederzeit abrufbare Beziehung zu mir selbst und Sicherheit.
Es bringt mich ins Hier und Jetzt, es lehrt mich Einfachheit, es zeigt mir wirksames Tun im Alltag, holt mich heraus aus der Ohnmacht und lässt mich inmitten so manchen Chaos’ den Geschmack der Kostbarkeit unseres Menschenlebens erfahren.
2. Leben Sie das, wovon Sie wollen, dass es in dieser Welt vorkommt!
Es tut gut und gibt uns Ruhe, wenn wir uns gut hinwenden zur einfachen und menschlichen Zeitlichkeit unseres täglichen Lebens und Erlebens. Die einfachen Dinge und Pflichten zu tun, unsere Liebe und unsere Kompetenz auszudrücken Tag für Tag, alle Tage unseres Lebens. Und dabei helfen rituelle Abläufe und insbesondere regelmäßiges Üben, uns auf das spirituell Wesentliche zu fokussieren.
3. Gemeinschaft bilden.
Gerade in heutiger Welt-Zeit braucht es dringend, dass wir ins “Wir” finden, Gemeinschaft bilden, einander begegnen, uns vernetzen.
Darin liegt nicht nur eine große sinnerfüllte Macht, sondern auch ein Gebot der Stunde. Wo so viel Spaltung, Trennung und Abwertung, gar Hass und Zerstörungskraft umgeht, ist es so wesentlich, unser Verschiedensein zu leben und zu verstehen, zu entdecken und zu teilen – in unserem Ähnlichsein und in unserem Verschiedensein, so menschlich, so lebendig, uns immer wieder als Ausdruck des einen Großen, über allem Stehenden zu fühlen.
4. Der Stimme des Herzens folgen.
Wir sollten wieder mehr auf das in uns hören, das uns sagt, was wahr, was wirklich und was gut ist. Wir sollten uns wieder mehr unserer inneren Führung, unserer inneren Weisheit anvertrauen, sollten wieder zur Unbestechlichkeit des schauenden Herzens finden. Das kann auch bedeuten, dass wir zu einem neuen Zugang zu einer Begabung finden, mit der wir anderen Menschen, unserem Umfeld und eigentlich dem Größeren des Lebens dienen.
5. Die spirituelle Dimension neu entfalten.
In einer Zeit, in der sich viele von Religion und Kirche abwenden, warum auch immer, braucht es dringend eine neue Entfaltung, ein Erblühen und die Integration der spirituellen Dimension unseres Menschseins in unser Leben, in unsere Gesellschaft und in unseren Alltag. Wir brauchen den Bezug zum Großen, zum über allem Stehenden, wir brauchen die weite Sicht, die über unseren bisweilen schmerzlichen, anstrengenden, nervenden, zerreibenden Alltag hinausweist, und die uns gleichzeitig zu dem über allem Stehenden in jedem von uns zurückführt. Denn das gibt uns wieder die Freiheit, wertschätzend und liebend, wach und kraftvoll, unbestechlich und unabhängig, authentisch und weise auf unser Leben und die Situation um uns herum zu antworten, jeder auf die Art und Weise, die ihm möglich ist.
Für diese 5 Schritte braucht es Mut, Überzeugung und Beständigkeit. Die wünsche ich uns allen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Dr. Gerda Sutthoff
Dr. med. Gerda Sutthoff ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Psychoanalyse.
Sie arbeitet seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen der ärztlichen und psychotherapeutischen Praxis – u. a. in der psychosomatischen Medizin, als Dozentin in der ärztlichen Weiterbildung, als Balintgruppenleiterin und als Supervisorin.
Neben ihrer therapeutischen Tätigkeit engagiert sie sich in der Aus- und Weiterbildung von Ärzt:innen sowie in der Beratung von Institutionen, Unternehmen und Schulen.