Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Selbstführung.
Der Reifungsweg
– Teil 1: Orientierung statt Selbstoptimierung
– Teil 2: Der Rückblick als Standortbestimmung
– Teil 3: Innere Ausrichtung statt Jahresplanung
Der Reifungsweg eines Menschen.
Warum es sich lohnt, über das große Ganze zu sprechen
Vielleicht bist du hier, weil dich deine Gefühle manchmal überrollen. Oder weil du merkst, dass dein Kopf kaum noch zur Ruhe kommt. Vielleicht setzt du dich selbst ständig unter Druck, fühlst dich für zu vieles verantwortlich oder hast Schwierigkeiten, deine Grenzen rechtzeitig zu spüren. Vielleicht zweifelst du an dir oder fragst dich, warum du in bestimmten Situationen immer wieder ähnlich reagierst, obwohl du es eigentlich anders möchtest.
Genau um solche Themen geht es hier.
Ich arbeite seit über 15 Jahren mit Menschen, die an genau diesen Punkten stehen. Und ich kenne diese Fragen sehr gut aus meinem eigenen Leben. Was mir dabei immer klarer geworden ist: Es reicht nicht, nur an einzelnen Problemen zu arbeiten, sondern es braucht ein größeres Bild.
Gleichzeitig ist mir etwas wichtig: Wenn wir nur versuchen, einzelne Probleme möglichst schnell zu lösen, verlieren wir leicht den Blick für den größeren Zusammenhang, in dem diese Themen überhaupt entstehen.
Denn Gefühle, Gedankenmuster, innere Antreiber oder die Schwierigkeit, Grenzen zu setzen, tauchen nicht zufällig auf. Sie entstehen aus früheren Erfahrungen und Prägungen und begleiten dich oft unbewusst durchs Leben, bis du anfängst, dich bewusst damit auseinanderzusetzen.
Warum ich dir heute ein größeres Bild anbieten möchte
Viele Menschen kommen mit einem konkreten Anliegen zu mir: Sie wollen weniger grübeln, mehr innere Ruhe spüren, bessere Grenzen setzen oder mehr Selbstvertrauen entwickeln.
Das ist nachvollziehbar und oft auch der richtige Einstieg.
Was dabei leicht passiert: Wir schrauben an Symptomen herum, suchen Techniken und probieren noch etwas aus. Und merken irgendwann, dass es zwar kurzfristig hilft, aber die Dynamik bestehen bleibt.
Weil wir am Symptom arbeiten, nicht am Muster selbst.
Das war auch lange meine Herangehensweise: Muster erkennen, Probleme lösen, Symptome bearbeiten. Bis ich gemerkt habe: Das allein reicht nicht. Was ich dir hier anbieten möchte, geht einen Schritt weiter: ein größeres Bild davon, wie Entwicklung tatsächlich verläuft und wie du dich darin bewusst orientieren und ausrichten kannst.
Denn Entwicklung passiert nicht nur, wenn wir aktiv an Problemen arbeiten. Sie passiert gerade durch das Leben selbst: durch Veränderungen, die wir nicht ausgesucht haben, durch Situationen, die uns fordern, durch Reibung, die uns reifen lässt. Die Frage ist: Wie gehst du damit um?
Du lernst zu unterscheiden, wo Widerstand Energie kostet und wo bewusstes Handeln sinnvoll ist. Du lernst zu verstehen, wo du auf deinem Weg stehst. Und du entwickelst eine klarere Vorstellung davon, wohin du dein Leben grundsätzlich ausrichten willst.
Nicht nur als schnelle Lösung für ein einzelnes Problem. Sondern als innere Orientierung für den Weg, der vor dir liegt.
Entwicklung verläuft selten linear, sondern in Phasen
Viele von uns haben eine bestimmte Vorstellung von innerer Entwicklung.
Dieses Bild ist naheliegend und es passt gut zu dem Wunsch nach Klarheit und Verlässlichkeit.
Mit menschlicher Entwicklung hat es jedoch nur bedingt zu tun.
Psychologisch gesehen verläuft Entwicklung in Phasen. Es gibt Zeiten, in denen vieles ruhig läuft. Und es gibt Zeiten, in denen es unruhiger wird, gedanklich, emotional und körperlich.
Manchmal, weil sich im Inneren etwas verändert und das, was lange gut funktioniert hat, nicht mehr ganz zu den eigenen Bedürfnissen passt.
Und manchmal, weil sich das Leben im Außen verändert. Weil sich Rollen verschieben, Beziehungen einen anderen Platz bekommen oder Lebensumstände sich wandeln.
Diese Wechsel sind normal und gehören zur menschlichen Entwicklung dazu.
Entscheidend ist nicht, ob diese Phasen auftreten. Die Frage ist: Wie begegnest du ihnen?
Der Reifungsweg: ein Bild, das Entwicklung greifbar macht
Um diese Dynamik greifbarer zu machen, spreche ich gerne vom Reifungsweg eines Menschen.
Ein Weg ist nichts, das man einmal beginnt und dann fertig hat. Ein Weg besteht aus Abschnitten. Manche gehen sich leicht, andere fordern mehr Aufmerksamkeit. Und manchmal führt er durch Gelände, das du nicht ausgesucht hättest, aber trotzdem gehen musst.
Dieses Bild hilft zu verstehen: Entwicklung ist kein Projekt, das du abschließt. Es ist ein Weg, der dich durchs Leben begleitet.
Mir hat dieses Bild geholfen, mein eigenes Leben und auch die Menschen, mit denen ich arbeite, anders zu verstehen. Nicht als linearen Weg, sondern als etwas, das Phasen hat und das uns immer wieder neu herausfordert.
Wegabschnitte: Stabilität, Erkunden, Veränderung
Wenn du dein Leben als Reifungsweg betrachtest, gibt es unterschiedliche Wegabschnitte.
Keiner davon ist besser als die anderen, sondern sie haben unterschiedliche Funktionen.
Abschnitte, in denen es einfach läuft
Das sind Zeiten, in denen du in deinem Leben angekommen bist. Du kennst deine Routinen. Du weißt, was dir gut tut. Du kannst dich auf dich verlassen. Es ist vielleicht nicht alles perfekt, aber ganz ok.
In solchen Abschnitten ist Entwicklung nicht spektakulär. Sie entsteht durch Wiederholung und Alltag, durch das, was du immer wieder tust und dadurch vertiefst.
Abschnitte, in denen du erkundest und dir Neues erschließt
Das sind Zeiten, in denen du etwas Neues lernst: eine neue Rolle, eine neue Aufgabe, oder in denen du dich auf eine neue Lebenssituation einstellst. Du probierst aus, justierst und entdeckst vielleicht neue Seiten an dir.
Solche Phasen sind lebendig und anstrengend. Noch läuft nichts automatisch, du musst vieles bewusst steuern.
Abschnitte, in denen du spürst: So wie bisher trägt es nicht mehr richtig
Das sind Zeiten, in denen das Alte nicht mehr passt, aber das Neue noch nicht klar ist. Anders als beim Erkunden gibt es hier keine konkrete neue Situation, an die du dich anpassen kannst. Du weißt nur: Es muss sich etwas ändern, aber noch nicht, was genau.
Manchmal zeigt sich das als innere Unruhe. Manchmal als Widerstand oder Gereiztheit. Manchmal als Erschöpfung. Oder als Gefühl von „ich muss etwas ändern“, ohne zu wissen, was genau.
Solche Phasen sind anstrengend und oft auch verunsichernd. Sie brauchen mehr Aufmerksamkeit als andere Wegabschnitte, weil du dich neu orientieren musst, ohne dass schon klar ist, wohin.
Das sind oft die Phasen, in denen Menschen beginnen, sich intensiver mit Selbstführung zu beschäftigen.
Entscheidungen treffen, auch wenn nicht alles klar ist
Innerhalb dieser Wegabschnitte gibt es immer wieder Momente, in denen eine Entscheidung ansteht ohne dass sich klar anfühlt, was richtig ist. Oder Momente, in denen du sehr genau weißt, was du entscheiden müsstest, es dir aber schwerfällt, den Schritt zu gehen.
Sage ich heute Nein oder wieder Ja? Wie gehe ich mit diesem Konflikt in der Familie um? Bleibe ich in diesem Job oder suche mir eine neue Arbeit?
Die Fragen haben unterschiedliches Gewicht, aber alle verlangen eine Antwort.
Und glaub mir, ich kenne das auch sehr gut: Diese Momente, in denen ich genau wusste, was ich entscheiden müsste und es trotzdem nicht getan habe. Einfach weil die Angst größer war. Das gehört halt auch dazu.
Wichtiger als die perfekte Entscheidung ist oft die Fähigkeit, zu spüren, was dir wichtig ist, und danach zu handeln. Auch wenn Angst oder Unsicherheit dich zurückhalten wollen.
Was das mit deinen konkreten Themen zu tun hat
Je nachdem, wo du auf deinem Reifungsweg stehst, werden unterschiedliche innere Themen stärker spürbar. Die Themen selbst – deine Prägungen, deine Muster – sind immer da. Aber in bestimmten Phasen treten sie deutlicher hervor:
Das bedeutet: Wenn du lernst, mit diesen Mustern umzugehen, wird nicht nur die aktuelle Phase leichter. Du entwickelst Fähigkeiten, die dir auch in zukünftigen Übergängen helfen.
Denn diese Muster werden dir immer wieder begegnen, in jeder neuen Phase, in jedem Übergang. Je besser du sie verstehst und bearbeitest, desto leichter kannst du mit Veränderungen umgehen.
Warum wir nicht aktionistisch an Problemen herumarbeiten sollten
Ich bin selbst ein handlungsorientierter Mensch und mich entlastet es, wenn ich in Bewegung komme und etwas tue oder angehe. Und ich sehe das auch in meiner Arbeit: Viele Menschen haben genau diesen Impuls: Handlung, nicht nur Reflexion.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen Handlung und Aktionismus.
Aktionismus entsteht aus dem Impuls: Das muss weg und zwar möglichst schnell. Zum Beispiel diese Unruhe, der Druck oder die Zweifel. Und manchmal ist kurzfristige Entlastung auch genau richtig.
Manchmal brauchst du diese Regulation, bevor du überhaupt klar denken kannst.
Was ich aber immer wieder erlebe: Wenn wir nur versuchen, Symptome zu beseitigen, übersehen wir etwas. Wir behandeln innere Themen wie Störungen, die man schnell behebt. Und dann läuft doch wieder alles weiter wie vorher.
So funktioniert menschliche Entwicklung nicht.
Wenn Entwicklung phasenhaft verläuft, brauchen wir mehr als schnelle Lösungen: Wir brauchen Orientierung.
Orientierung entsteht, wenn du innehältst und zwei Fragen stellst:
🔶 Erstens: Durch Rückblick.
Wo stehe ich gerade? Wo komme ich her? Was hat mich in diesem Jahr geprägt?
🔶 Zweitens: Durch Vorausschau.
Wohin will ich? Was braucht der nächste Wegabschnitt?
Darum geht es in den nächsten beiden Artikeln: Rückblick und Vorausschau, nicht als Bilanz und Planung, sondern als Orientierung auf dem Reifungsweg.
Der nächste Artikel widmet sich dem Rückblick als Standortbestimmung: Wo stand ich in diesem Jahr auf meinem Weg? Was hat mich geprägt? Was ist gereift?
Danach geht es um Vorausschau als innere Ausrichtung: Was braucht der nächste Wegabschnitt?
Drei Schritte, die zusammengehören: Verstehen, wo du stehst. Zurückblicken, wo du herkommst. Ausrichten, wohin du gehst.
ResilienzImpulse
Lust auf Persönlichkeitsentwicklung mit Herz und wissenschaftlicher Grundlage? Dann bist du bei meinen beliebten ResilienzImpulsen genau richtig!
Marion Wandke
Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.
Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.
