Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Selbstführung.
Der Reifungsweg
– Teil 1: Orientierung statt Selbstoptimierung
– Teil 2: Der Rückblick als Standortbestimmung
– Teil 3: Die Vorausschau als innere Ausrichtung
Der Reifungsweg eines Menschen.
Der Rückblick als Standortbestimmung.
Vielleicht ist es dir auch schon mal so gegangen: Du schaust auf das letzte Jahr zurück und denkst: „Eigentlich war das ja kein schlechtes Jahr.“ Und trotzdem hast du ein diffuses Gefühl, als ob da etwas nicht ganz stimmig ist.
Das hat oft etwas mit unserer inneren Entwicklung zu tun.
Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Klientin zusammen, die mir von ihrem letzten Jahr erzählt hat. Sie hatte viel erreicht, war beruflich vorangekommen und hatte auch privat einige wichtige Entscheidungen getroffen. Und trotzdem war sie nicht richtig zufrieden, sondern eher ratlos.
„Ich verstehe nicht“, sagte sie, „warum vieles gut gelaufen ist und ich trotzdem das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt.“
Wir haben dann gemeinsam ihr Jahr reflektiert, um das Störgefühl besser zu verstehen: Wo stand sie am Anfang des Jahres? Wo steht sie jetzt? Und was hat sich zwischen diesen beiden Punkten verändert?
Am Ende der Sitzung sagte sie: „Jetzt verstehe ich es. Ich bin nicht mehr die Person, die diese Entscheidungen getroffen hat. In mir hat sich etwas weiterentwickelt und nun merke ich, dass manches nicht mehr passt.“
Das ist genau das, was ein Rückblick leisten kann: Er zeigt dir, wo du stehst und er macht sichtbar, wohin du dich verändert hast. Und das ist wiederum dein Startpunkt für deine Neuausrichtung.
Warum ein Rückblick mehr ist als eine Bilanz
Viele Menschen schauen am Jahresende zurück und erstellen eine Art Inventur: Was habe ich geschafft? Was nicht? Was lief gut, was schlecht? Gerade im Business-Kontext geht es oft um Zahlen, Ziele und Erfolge.
Das kann hilfreich sein, aber nach meiner Erfahrung greift das zu kurz.
Ich selbst mache seit vielen Jahren am Jahresende eine Rückschau. Ich gehe meinen Kalender durch und lasse das Jahr nochmal vorbeiziehen. Aber ich suche dabei nicht nach Zahlen oder abgehakten Zielen. Ich schaue auch nicht primär darauf, was funktioniert hat und was nicht.
Was mich interessiert, ist etwas anderes: Wo stand ich am Anfang des Jahres? Wo stehe ich jetzt? Was hat sich in mir verändert? Wie fühlt sich das an?
Das sind keine Fragen nach äußeren Ergebnissen, sondern nach innerer Entwicklung. Und genau darum geht es auf dem Reifungsweg.
Ein Rückblick im Sinne des Reifungswegs ist keine Erfolgskontrolle. Er ist eine Standortbestimmung. Er fragt nicht: Habe ich meine Ziele erreicht? Sondern: Wo stehe ich gerade auf meinem Weg? Was ist in mir gereift? Was hat sich verändert?
Im ersten Teil dieser Serie habe ich beschrieben, wie menschliche Entwicklung verläuft: in Phasen, nicht linear. Phasen der Stabilität, in denen der Status quo trägt. Phasen der Neuorientierung, in denen das Alte nicht mehr passt und das Neue noch nicht klar ist. Und Übergänge, in denen sich etwas sortiert und verschiebt.
Der Rückblick hilft dir zu erkennen, in welcher Phase du gerade bist.
Das ist wichtig, weil wir oft im Alltag nicht merken, dass wir uns verändert haben. Wir funktionieren, wir reagieren und machen weiter, wie gewohnt. Und erst, wenn wir innehalten und zurückschauen, wird sichtbar: Ich bin nicht mehr dieselbe Person wie vor einem Jahr.
Was neurobiologisch geschieht, wenn wir zurückschauen
Das Gehirn ist ein Mustererkennungssystem – und das fasziniert mich immer wieder. Es speichert nicht jedes Detail, sondern verdichtet Erfahrungen zu Mustern. Das ist sehr sinnvoll, weil es Energie spart, hat aber auch einen Nebeneffekt: Wir übersehen oft, was sich verändert hat.
Wenn du zurückschaust, aktivierst du das Gedächtnis auf eine andere Weise. Du holst vergangene Erfahrungen ins Bewusstsein und setzt sie in Beziehung zur Gegenwart. Dabei entsteht etwas, das in der Neurowissenschaft als episodisches Zukunftsdenken bezeichnet wird: Dein Gehirn nutzt die Vergangenheit, um mögliche Zukünfte zu simulieren.
Das bedeutet: Ein Rückblick ist nicht rückwärtsgewandt. Er ist eine Vorbereitung auf das, was kommt.
Gleichzeitig beruhigt der Rückblick das Default Mode Network, jenes Netzwerk im Gehirn, das aktiv wird, wenn wir grübeln oder uns im Kreis drehen. Indem du bewusst zurückschaust, gibst du diesem Netzwerk eine klare Struktur. Du sortierst, was sonst diffus bleibt.
Das ist der Grund, warum viele Menschen nach einem Rückblick mehr Klarheit spüren:
Das Gehirn hat die Chance bekommen, Zusammenhänge zu erkennen, die sonst im Alltag unsichtbar bleiben.
Der Rückblick als Standortbestimmung auf dem Reifungsweg
Wenn du zurückschaust, wirst du feststellen: Manche Dinge, die vor einem Jahr wichtig waren, sind es heute nicht mehr. Manche Themen, die dich beschäftigt haben, sind abgeschlossen. Andere tauchen immer wieder auf.
Je nachdem, in welcher Phase du dich befindest, wird der Rückblick unterschiedliche Erkenntnisse bringen:
In Phasen der Stabilität wirst du sehen: Vieles hat sich gefestigt, Zusammenhänge sind klarer geworden und du hast mehr Sicherheit gewonnen.
In Phasen der Neuorientierung wird sichtbar: Das Alte trägt nicht mehr richtig. Vielleicht haben äussere oder auch innere Konflikte zugenommen. Dein Leben fühlt sich an wie ein altes Kkeidungsstück, das mal bequem war aber nun nicht mehr richtig passt. Es engt dich ein oder gibt dir keinen richtigen Halt mehr.
Das sind Zeichen von Veränderung.
In Übergängen erkennst du: Es gibt Momente, in denen du noch im alten Muster unterwegs bist und plötzlich schimmert etwas Neues durch. Diese Zwischenphasen sind oft die anstrengendsten, weil du noch nicht weißt, wohin die Reise gehen soll. Das löst oft Unsicherheit und Ängste aus.
Der Rückblick zeigt dir, wo du gerade stehst. Und das gibt dir erste Orientierung.
Was ein Rückblick sichtbar machen kann
Wenn du dir Zeit nimmst und wirklich zurückschaust, können verschiedene Dinge deutlich werden:
Du erkennst Muster, die sich wiederholen.
Vielleicht gibt es Situationen, in denen du immer ähnlich reagierst. Oder Beziehungen, in denen ähnliche Konflikte auftauchen.
Das sind deutliche Hinweise auf innere Themen, die noch nicht abgeschlossen sind.
Du siehst, was sich verändert hat.
Dinge, die dich früher aus der Bahn geworfen haben, berühren dich heute kaum noch. Oder umgekehrt: Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich jetzt schwer oder unangenehm an.
Das zeigt dir, dass sich deine innere Landschaft verschoben hat.
Du verstehst, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden.
Oft handeln wir aus einem inneren Impuls heraus, ohne genau zu wissen, warum.
Erst im Rückblick wird klar: Das war kein zufälliger Impuls, sondern unbewusst ein Schritt in eine bestimmte Richtung.
Du spürst, wo du dich selbst verloren hast.
Manchmal merkst du: Ich habe mich angepasst, wo ich besser für meine Bedürfnisse eingestanden wäre. Ich habe nachgegeben und etwas getan, das ich nicht wirklich gewollt habe.
Diese Erkenntnis fällt manchmal schwer und tut weh. Aber sie zeigt, was du künftig verändern solltest.
Es ist wie bei einer Bergwanderung:
Wenn du von oben auf den Weg zurückschaust, den du gegangen bist, siehst du die einzelnen kleinen Etappen und Zusammenhänge viel deutlicher.
Wie ein Rückblick auf dem Reifungsweg wirkt
Wenn du verstehst, dass Entwicklung in Phasen verläuft, verändert sich auch dein Blick auf das vergangene Jahr.
Du fragst nicht mehr: Warum war es so schwer? Sondern: Was hat sich in dieser Schwierigkeit entwickelt?
Du fragst nicht mehr: Warum habe ich das nicht geschafft? Sondern: Was hat mich daran gehindert und was zeigt mir das über meinen aktuellen Standort?
Du fragst nicht mehr: Was hätte ich anders machen sollen? Sondern: Was habe ich gelernt und was nehme ich daraus mit?
Das ist der Unterschied zwischen einer Bilanz und einer Standortbestimmung.
Die Bilanz fällt ein Urteilt über die Vergangenheit.
Die Standortbestimmung gibt Orientierung für die Zukunft.
Für mich war das eine der wichtigsten Erkenntnisse meiner eigenen Entwicklung:
Erst wenn ich weiß, wo ich stehe, kann ich entscheiden, wohin ich gehen will.
Und genau diese Klarheit entsteht durch den Rückblick.
Was das für deinen Rückblick bedeutet
Wenn du jetzt – am Ende oder am Anfang eines Jahres oder such irgendwann mittendrin – zurückschaust, dann solltest du nicht einfach abhaken, was du erreicht hast und was nicht.
Es geht darum zu verstehen: Von welchem Ausgangspunkt komme ich? Wo stehe ich jetzt? Und was ist zwischen diesen beiden Punkten geschehen?
Das ist keine schnelle Übung. Es braucht Zeit, Ruhe und deine Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen. Auch und gerade auf das, was unbequem oder schmerzhaft ist.
Auch ich habe ziemlich lange gebraucht, um mir diese Zeit wirklich zu nehmen und manchen Themen ins Auge zu sehen.
Aber genau darin liegt die Kraft: Ein Rückblick zeigt dir, wo du stehst. Und erst, wenn du weißt, wo du stehst, kannst du entscheiden, wohin du gehen willst.
Im nächsten Teil dieser Serie schaue ich mit dir auf die Vorausschau: Wie du aus dem Rückblick eine innere Ausrichtung entwickelst, die trägt und die wirklich zu dir passt.
Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Selbstführung.
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Miniserie: Der Reifungsweg
– Teil 1: Orientierung statt Selbstoptimierung
– Teil 2: Der Rückblick als Standortbestimmung
– Teil 3: Die Vorausschau als innere Ausrichtung
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Marion Wandke
Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.
Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.
