Dein Rei­fungs­weg – Teil 2 | Der Rück­blick als Standortbestimmung

Der Rei­fungs­weg

Teil 1: Ori­en­tie­rung statt Selbst­op­ti­mie­rung
Teil 2: Der Rück­blick als Stand­ort­be­stim­mung
– Teil 3: Die Vor­aus­schau als innere Ausrichtung

SEF-002

Der Rei­fungs­weg eines Men­schen.
Der Rück­blick als Standortbestimmung.

Viel­leicht ist es dir auch schon mal so gegan­gen: Du schaust auf das letzte Jahr zurück und denkst: Eigent­lich war das ja kein schlech­tes Jahr.“ Und trotz­dem hast du ein dif­fu­ses Gefühl, als ob da etwas nicht ganz stim­mig ist.

Das hat oft etwas mit unse­rer inne­ren Ent­wick­lung zu tun. 

Vor ein paar Wochen saß ich mit einer Kli­en­tin zusam­men, die mir von ihrem letz­ten Jahr erzählt hat. Sie hatte viel erreicht, war beruf­lich vor­an­ge­kom­men und hatte auch pri­vat einige wich­tige Ent­schei­dun­gen getrof­fen. Und trotz­dem war sie nicht rich­tig zufrie­den, son­dern eher ratlos.

Ich ver­stehe nicht“, sagte sie, warum vie­les gut gelau­fen ist und ich trotz­dem das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt.“

Wir haben dann gemein­sam ihr Jahr reflek­tiert, um das Stör­ge­fühl bes­ser zu ver­ste­hen: Wo stand sie am Anfang des Jah­res? Wo steht sie jetzt? Und was hat sich zwi­schen die­sen bei­den Punk­ten verändert?

Am Ende der Sit­zung sagte sie: Jetzt ver­stehe ich es. Ich bin nicht mehr die Per­son, die diese Ent­schei­dun­gen getrof­fen hat. In mir hat sich etwas wei­ter­ent­wi­ckelt und nun merke ich, dass man­ches nicht mehr passt.“

Das ist genau das, was ein Rück­blick leis­ten kann: Er zeigt dir, wo du stehst und er macht sicht­bar, wohin du dich ver­än­dert hast. Und das ist wie­derum dein Start­punkt für deine Neuausrichtung.

Warum ein Rück­blick mehr ist als eine Bilanz

Viele Men­schen schauen am Jah­res­ende zurück und erstel­len eine Art Inven­tur: Was habe ich geschafft? Was nicht? Was lief gut, was schlecht? Gerade im Busi­ness-Kon­text geht es oft um Zah­len, Ziele und Erfolge.

Das kann hilf­reich sein, aber nach mei­ner Erfah­rung greift das zu kurz.

Ich selbst mache seit vie­len Jah­ren am Jah­res­ende eine Rück­schau. Ich gehe mei­nen Kalen­der durch und lasse das Jahr noch­mal vor­bei­zie­hen. Aber ich suche dabei nicht nach Zah­len oder abge­hak­ten Zie­len. Ich schaue auch nicht pri­mär dar­auf, was funk­tio­niert hat und was nicht.

Was mich inter­es­siert, ist etwas ande­res: Wo stand ich am Anfang des Jah­res? Wo stehe ich jetzt? Was hat sich in mir ver­än­dert? Wie fühlt sich das an?

Das sind keine Fra­gen nach äuße­ren Ergeb­nis­sen, son­dern nach inne­rer Ent­wick­lung. Und genau darum geht es auf dem Rei­fungs­weg.

Ein Rück­blick im Sinne des Rei­fungs­wegs ist keine Erfolgs­kon­trolle. Er ist eine Stand­ort­be­stim­mung. Er fragt nicht: Habe ich meine Ziele erreicht? Son­dern: Wo stehe ich gerade auf mei­nem Weg? Was ist in mir gereift? Was hat sich ver­än­dert?

Im ers­ten Teil die­ser Serie habe ich beschrie­ben, wie mensch­li­che Ent­wick­lung ver­läuft: in Pha­sen, nicht linear. Pha­sen der Sta­bi­li­tät, in denen der Sta­tus quo trägt. Pha­sen der Neu­ori­en­tie­rung, in denen das Alte nicht mehr passt und das Neue noch nicht klar ist. Und Über­gänge, in denen sich etwas sor­tiert und ver­schiebt.

Der Rück­blick hilft dir zu erken­nen, in wel­cher Phase du gerade bist.

Das ist wich­tig, weil wir oft im All­tag nicht mer­ken, dass wir uns ver­än­dert haben. Wir funk­tio­nie­ren, wir reagie­ren und machen wei­ter, wie gewohnt. Und erst, wenn wir inne­hal­ten und zurück­schauen, wird sicht­bar: Ich bin nicht mehr die­selbe Per­son wie vor einem Jahr.

Was neu­ro­bio­lo­gisch geschieht, wenn wir zurückschauen

Das Gehirn ist ein Mus­ter­er­ken­nungs­sys­tem – und das fas­zi­niert mich immer wie­der. Es spei­chert nicht jedes Detail, son­dern ver­dich­tet Erfah­run­gen zu Mus­tern. Das ist sehr sinn­voll, weil es Ener­gie spart, hat aber auch einen Neben­ef­fekt: Wir über­se­hen oft, was sich ver­än­dert hat.

Wenn du zurück­schaust, akti­vierst du das Gedächt­nis auf eine andere Weise. Du holst ver­gan­gene Erfah­run­gen ins Bewusst­sein und setzt sie in Bezie­hung zur Gegen­wart. Dabei ent­steht etwas, das in der Neu­ro­wis­sen­schaft als epi­so­di­sches Zukunfts­den­ken bezeich­net wird: Dein Gehirn nutzt die Ver­gan­gen­heit, um mög­li­che Zukünfte zu simulieren.

Das bedeu­tet: Ein Rück­blick ist nicht rück­wärts­ge­wandt. Er ist eine Vor­be­rei­tung auf das, was kommt.

Gleich­zei­tig beru­higt der Rück­blick das Default Mode Net­work, jenes Netz­werk im Gehirn, das aktiv wird, wenn wir grü­beln oder uns im Kreis dre­hen. Indem du bewusst zurück­schaust, gibst du die­sem Netz­werk eine klare Struk­tur. Du sor­tierst, was sonst dif­fus bleibt.

Das ist der Grund, warum viele Men­schen nach einem Rück­blick mehr Klar­heit spüren:

Das Gehirn hat die Chance bekom­men, Zusam­men­hänge zu erken­nen, die sonst im All­tag unsicht­bar bleiben.

Der Rück­blick als Stand­ort­be­stim­mung auf dem Reifungsweg

Wenn du zurück­schaust, wirst du fest­stel­len: Man­che Dinge, die vor einem Jahr wich­tig waren, sind es heute nicht mehr. Man­che The­men, die dich beschäf­tigt haben, sind abge­schlos­sen. Andere tau­chen immer wie­der auf.

Je nach­dem, in wel­cher Phase du dich befin­dest, wird der Rück­blick unter­schied­li­che Erkennt­nisse brin­gen:

In Pha­sen der Sta­bi­li­tät wirst du sehen: Vie­les hat sich gefes­tigt, Zusam­men­hänge sind kla­rer gewor­den und du hast mehr Sicher­heit gewon­nen.

In Pha­sen der Neu­ori­en­tie­rung wird sicht­bar: Das Alte trägt nicht mehr rich­tig. Viel­leicht haben äus­sere oder auch innere Kon­flikte zuge­nom­men. Dein Leben fühlt sich an wie ein altes Kkei­dungs­stück, das mal bequem war aber nun nicht mehr rich­tig passt. Es engt dich ein oder gibt dir kei­nen rich­ti­gen Halt mehr.
Das sind Zei­chen von Ver­än­de­rung.

In Über­gän­gen erkennst du: Es gibt Momente, in denen du noch im alten Mus­ter unter­wegs bist und plötz­lich schim­mert etwas Neues durch. Diese Zwi­schen­pha­sen sind oft die anstren­gends­ten, weil du noch nicht weißt, wohin die Reise gehen soll. Das löst oft Unsi­cher­heit und Ängste aus.


Der Rück­blick zeigt dir, wo du gerade stehst. Und das gibt dir erste Orientierung.

Was ein Rück­blick sicht­bar machen kann

Wenn du dir Zeit nimmst und wirk­lich zurück­schaust, kön­nen ver­schie­dene Dinge deut­lich werden:

Du erkennst Mus­ter, die sich wiederholen.

Viel­leicht gibt es Situa­tio­nen, in denen du immer ähn­lich reagierst. Oder Bezie­hun­gen, in denen ähn­li­che Kon­flikte auftauchen. 

Das sind deut­li­che Hin­weise auf innere The­men, die noch nicht abge­schlos­sen sind.

Du siehst, was sich ver­än­dert hat.

Dinge, die dich frü­her aus der Bahn gewor­fen haben, berüh­ren dich heute kaum noch. Oder umge­kehrt: Dinge, die frü­her selbst­ver­ständ­lich waren, füh­len sich jetzt schwer oder unan­ge­nehm an.

Das zeigt dir, dass sich deine innere Land­schaft ver­scho­ben hat.

Du ver­stehst, warum bestimmte Ent­schei­dun­gen getrof­fen wurden.

Oft han­deln wir aus einem inne­ren Impuls her­aus, ohne genau zu wis­sen, warum.

Erst im Rück­blick wird klar: Das war kein zufäl­li­ger Impuls, son­dern unbe­wusst ein Schritt in eine bestimmte Richtung.

Du spürst, wo du dich selbst ver­lo­ren hast.

Manch­mal merkst du: Ich habe mich ange­passt, wo ich bes­ser für meine Bedürf­nisse ein­ge­stan­den wäre. Ich habe nach­ge­ge­ben und etwas getan, das ich nicht wirk­lich gewollt habe.

Diese Erkennt­nis fällt manch­mal schwer und tut weh. Aber sie zeigt, was du künf­tig ver­än­dern solltest.

Es ist wie bei einer Berg­wan­de­rung:
Wenn du von oben auf den Weg zurück­schaust, den du gegan­gen bist, siehst du die ein­zel­nen klei­nen Etap­pen und Zusam­men­hänge viel deutlicher.

Wie ein Rück­blick auf dem Rei­fungs­weg wirkt

Wenn du ver­stehst, dass Ent­wick­lung in Pha­sen ver­läuft, ver­än­dert sich auch dein Blick auf das ver­gan­gene Jahr.

Du fragst nicht mehr: Warum war es so schwer? Son­dern: Was hat sich in die­ser Schwie­rig­keit ent­wi­ckelt?

Du fragst nicht mehr: Warum habe ich das nicht geschafft? Son­dern: Was hat mich daran gehin­dert und was zeigt mir das über mei­nen aktu­el­len Stand­ort?

Du fragst nicht mehr: Was hätte ich anders machen sol­len? Son­dern: Was habe ich gelernt und was nehme ich dar­aus mit?

Das ist der Unter­schied zwi­schen einer Bilanz und einer Stand­ort­be­stim­mung.
Die Bilanz fällt ein Urteilt über die Ver­gan­gen­heit.
Die Stand­ort­be­stim­mung gibt Ori­en­tie­rung für die Zukunft.

Für mich war das eine der wich­tigs­ten Erkennt­nisse mei­ner eige­nen Entwicklung:

Erst wenn ich weiß, wo ich stehe, kann ich ent­schei­den, wohin ich gehen will.

Und genau diese Klar­heit ent­steht durch den Rückblick.

Was das für dei­nen Rück­blick bedeutet

Wenn du jetzt – am Ende oder am Anfang eines Jah­res oder such irgend­wann mit­ten­drin – zurück­schaust, dann soll­test du nicht ein­fach abha­ken, was du erreicht hast und was nicht.

Es geht darum zu ver­ste­hen: Von wel­chem Aus­gangs­punkt komme ich? Wo stehe ich jetzt? Und was ist zwi­schen die­sen bei­den Punk­ten geschehen?

Das ist keine schnelle Übung. Es braucht Zeit, Ruhe und deine Bereit­schaft, ehr­lich hin­zu­schauen. Auch und gerade auf das, was unbe­quem oder schmerz­haft ist.

Auch ich habe ziem­lich lange gebraucht, um mir diese Zeit wirk­lich zu neh­men und man­chen The­men ins Auge zu sehen.

Aber genau darin liegt die Kraft: Ein Rück­blick zeigt dir, wo du stehst. Und erst, wenn du weißt, wo du stehst, kannst du ent­schei­den, wohin du gehen willst.

Im nächs­ten Teil die­ser Serie schaue ich mit dir auf die Vor­aus­schau: Wie du aus dem Rück­blick eine innere Aus­rich­tung ent­wi­ckelst, die trägt und die wirk­lich zu dir passt.


Die­ser Arti­kel gehört zum The­men­be­reich Selbstführung.

👉 Hier fin­dest du die The­men­seite Selbst­füh­rung – Ori­en­tie­rung für einen bewuss­ten Umgang mit dir selbst“

Mini­se­rie: Der Reifungsweg

Teil 1: Ori­en­tie­rung statt Selbstoptimierung

Teil 2: Der Rück­blick als Standortbestimmung

– Teil 3: Die Vor­aus­schau als innere Ausrichtung

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Portrait Marion Wandke

Marion Wandke

Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.

Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.

Mehr über mich und meine Arbeit findest du auf meiner „Über-mich“-Seite.