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Wenn die Selbst­steue­rung ver­sagt: Warum du nicht so reagierst, wie du willst

Ein Fall aus der Praxis

Eine berufs­er­fah­rene Kli­en­tin beschreibt im Coa­ching eine Szene, die sie seit Jah­ren beschäftigt:

In einer Bespre­chung ist sie fach­lich gut vor­be­rei­tet, kennt das Thema genau. Als sie ihren Stand­punkt erläu­tern möchte, wirft ein Kol­lege ein: Ich ver­stehe Ihre Argu­men­ta­tion nicht ganz – das klingt für mich eher nach Bauch­ge­fühl als nach Strategie.“

Ihre Reak­tion: In mir hat sich etwas zusam­men­ge­zo­gen. Ich wusste, was ich sagen sollte – aber ich konnte es nicht abru­fen. Ich war wie blo­ckiert. Und die­ses Gefühl hat mich tage­lang beschäf­tigt. Wieso schwächle ich im ent­schei­den­den Moment?“

Kennst du sol­che Momente?

Situa­tio­nen, in denen du eigent­lich klar auf­tre­ten könn­test – aber inner­lich plötz­lich den Zugriff auf deine Sou­ve­rä­ni­tät verlierst?

In die­sem Arti­kel zeige ich dir, was in sol­chen Momen­ten im Kör­per und Ner­ven­sys­tem pas­siert – und warum das nichts mit per­sön­li­cher Schwä­che zu tun hat.


Warum der Ver­lust von Selbst­steue­rung so irri­tie­rend ist

Im Beruf bist du es gewohnt, klar zu den­ken, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und auch in kom­ple­xen Situa­tio­nen sou­ve­rän zu han­deln.
Gerade des­halb trifft es dich umso stär­ker, wenn du in einem ent­schei­den­den Moment plötz­lich das Gefühl hast, inner­lich den Zugriff auf deine Fähig­kei­ten zu ver­lie­ren – obwohl du inhalt­lich gut vor­be­rei­tet bist.

Sol­che Situa­tio­nen wir­ken oft harm­los. Es gibt kei­nen lau­ten Streit, kein offen­sicht­li­ches Drama.
Aber ein ein­zi­ger Halb­satz, ein Ton­fall oder ein skep­ti­scher Blick kön­nen rei­chen, um dich inner­lich aus dem Tritt zu brin­gen.

Du spürst: Etwas in dir reagiert stark – aber du kannst es weder stop­pen noch sofort ein­ord­nen.
Nach außen bleibst du viel­leicht ruhig. Doch inner­lich ver­lierst du den Faden, wirst unsi­cher, blo­ckiert.

Und genau das ist so irri­tie­rend: Du bist da – und gleich­zei­tig nicht mehr ganz bei dir.


Was beim Ver­lust der Selbst­steue­rung im Kör­per passiert

1 Der Auslöser

Oft ist es nicht der Inhalt, son­dern die Art, wie etwas gesagt wird: ein impli­zi­ter Vor­wurf, eine Irri­ta­tion im Blick­kon­takt, ein ent­wer­ten­der Ton.
Das Gehirn stuft diese Signale als poten­zi­ell bedroh­lich ein – das Stress­sys­tem wird akti­viert.

  • Icon Marion Wandke

    Hast du das Gefühl, dass sich etwas ver­än­dern soll?

    Man­che Dinge funk­tio­nie­ren nicht mehr so, wie sie sol­len – und es ist an der Zeit, genauer hin­zu­se­hen. In mei­nem fokus­sier­ten 1:1-Beratungsgespräch (90 Minu­ten) klä­ren wir, woran es liegt und wel­che Ver­än­de­run­gen für dich sinn­voll und mach­bar sind.

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2 Die Stressreaktion

Die Amyg­dala – Teil des lim­bi­schen Sys­tems – über­nimmt in Sekun­den­bruch­tei­len die Bewer­tung. Sie schlägt Alarm, noch bevor dein bewuss­ter Ver­stand die Situa­tion ein­ord­nen kann.

🔸 Das auto­nome Ner­ven­sys­tem schal­tet in den Schutz­mo­dus: Kampf, Flucht oder Erstar­rung.

🔸 Gleich­zei­tig wird der prä­fron­tale Kor­tex – zustän­dig für Refle­xion, Spra­che und bewusste Ent­schei­dun­gen – gehemmt.

🔸Du bist äußer­lich viel­leicht ruhig, aber inner­lich blo­ckiert. Der Zugriff auf Spra­che, Klar­heit und Argu­men­ta­tion ist reduziert.

Ver­lust der inne­ren Steue­rung
In einem Stress­mo­ment über­nimmt das auto­nome Schutz­sys­tem.
Dein Ner­ven­sys­tem schal­tet vom reflek­tier­ten Reagie­ren auf auto­ma­ti­sche Mus­ter um.
Außen bleibt alles ruhig – innen bist du blo­ckiert und wirst viel­leicht von star­ken Emo­tio­nen überwältigt.

3 Die Nachwirkung

Sol­che Erleb­nisse wir­ken oft lange nach – nicht, weil du sie dra­ma­ti­sierst, son­dern weil sie emo­tio­nal unauf­ge­löst blei­ben.
Typi­sche Reak­tio­nen sind:

  • Grü­beln („Warum konnte ich nicht reagieren?“)
  • Selbst­kri­tik („Was stimmt nicht mit mir?“)
  • Innere Unruhe, Schlaf­pro­bleme oder Scham

Warum ein Ver­lust von Selbst­steue­rung keine Schwä­che ist

Gerade reflek­tierte, berufs­er­fah­rene Men­schen emp­fin­den sol­che Momente als zutiefst ver­un­si­chernd.

Sie erken­nen sich selbst nicht wie­der – weil sie gewohnt sind, auch in schwie­ri­gen Situa­tio­nen die Kon­trolle zu behal­ten.

Schnell ent­steht der Gedanke: Ich hätte mich doch mehr im Griff haben müs­sen.“

Aber genau hier liegt der Irrtum:

Es geht nicht um man­gelnde Wil­lens­kraft. Es geht um ein Schutz­pro­gramm dei­nes Ner­ven­sys­tems unter Stress.
Und: Du kannst ler­nen, damit anders umzugehen.


Diese Reak­tion stammt aus einem ver­gan­ge­nen Pro­gramm und war ein­mal hilf­reich. Viel­leicht hast du frü­her gelernt, dich zurück­zu­zie­hen, still zu blei­ben oder dich blitz­schnell anzu­pas­sen – weil es damals wich­tig war, dich inner­lich zu schüt­zen.

Doch heute, in beruf­li­chen oder sozia­len Situa­tio­nen, blo­ckiert dich genau die­ses Mus­ter.

Nicht, weil du zu wenig kannst. Son­dern weil dich dein Sys­tem auf alte Weise schützt – und dabei ver­hin­dert, dass du im Jetzt hand­lungs­fä­hig bleibst.


👉 Erken­nen und regu­lie­ren: Das ist der Schlüs­sel – nicht mehr Druck oder mehr Disziplin.


Selbst­steue­rung zurück­ge­win­nen – der Weg zur inne­ren Handlungsfähigkeit

Hier beginnt der ent­schei­dende Schritt: Selbst­re­gu­la­tion.

Das ist die Fähig­keit, in her­aus­for­dern­den Momen­ten, also unter Stress, wie­der mit dir selbst in Kon­takt zu kom­men – und hand­lungs­fä­hig zu blei­ben.

Kon­kret heißt das:

  • Du nimmst innere Reak­tio­nen früh­zei­tig wahr.
  • Du beein­flusst deine kör­per­li­chen und emo­tio­na­len Zustände aktiv.
  • Und du kannst in der Situa­tion wie­der bewusst reagie­ren – auch wenn es gerade schwerfällt.

Das hat nichts mit rei­ner Wil­lens­kraft zu tun.
Selbst­re­gu­la­tion ist kein dis­zi­plin­ba­sier­tes Zusam­men­rei­ßen“, son­dern ein trai­nier­ba­rer Pro­zess:

Ein Zusam­men­spiel aus Selbst­wahr­neh­mung, neu­ro­bio­lo­gi­scher Beru­hi­gung und inne­rer Klärung.

Wenn du die Grund­la­gen die­ser Fähig­keit bes­ser ver­ste­hen möch­test, fin­dest du in mei­nem aus­führ­li­chen Arti­kel
➡️” Selbst­re­gu­la­tion: Wie du deine Gedan­ken, Emo­tio­nen und dei­nen Kör­per steu­erst
eine fun­dierte Ein­füh­rung – geglie­dert in die drei Ebe­nen: kogni­tiv, emo­tio­nal und kör­per­lich.


Erste Schritte zur Veränderung

Ver­än­de­rung beginnt damit, genauer hin­zu­schauen:

👉 Was pas­siert in die­sen Momen­ten? Was löst sie aus – und wie wir­ken sie in dir nach?

Refle­xi­ons­fra­gen für dei­nen Einstieg:

  • In wel­chen Situa­tio­nen ver­lierst du den Kon­takt zu dir selbst und kommst inner­lich aus dem Gleichgewicht?
  • Wel­che kör­per­li­chen Reak­tio­nen nimmst du als Ers­tes wahr?
  • Wel­che inne­ren Sätze tau­chen auf – z. B.: Ich werde nicht ernst genom­men.“ Ich darf kei­nen Feh­ler machen.“
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Fazit: Selbst­steue­rung ist trainierbar

Wenn du in schwie­ri­gen Situa­tio­nen nicht so reagie­ren kannst, wie du es eigent­lich möch­test, liegt das nicht an man­geln­der Kom­pe­tenz.
Son­dern daran, dass dein Ner­ven­sys­tem in alte Schutz­re­ak­tio­nen schal­tet – auto­ma­tisch, blitz­schnell, gut gemeint.

Selbst­steue­rung ist kein ange­bo­re­nes Talent.

Es ist eine Fähig­keit, die du trai­nie­ren kannst.
Mit geziel­ter Auf­merk­sam­keit, acht­sa­mer Selbst­wahr­neh­mung und prak­ti­scher Übung lernst du Schritt für Schritt, auch in her­aus­for­dern­den Situa­tio­nen bei dir zu blei­ben und bewusst zu reagie­ren.

Und genau darin liegt echte innere Stärke:
nicht per­fekt zu funk­tio­nie­ren, son­dern dich selbst füh­ren zu kön­nen – auch dann, wenn es schwie­rig wird.

Portrait Marion Wandke

Marion Wandke

Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.

Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.

Mehr über mich und meine Arbeit findest du auf meiner “Über-mich”-Seite.