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Über­ver­ant­wor­tung ver­än­dern: Selbst­re­gu­la­tion ist dein Hebel

Über­ver­ant­wor­tung ver­än­dern: Selbst­re­gu­la­tion ist dein Hebel

In die­sem Arti­kel geht es nun wei­ter mit der Frage, wie wir das Mus­ter der Über­ver­ant­wor­tung ver­än­dern kön­nen.

In den bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Arti­keln die­ser Reihe ist eines deut­lich gewor­den: Über­ver­ant­wor­tung sitzt nicht im Ver­stand, son­dern im Ner­ven­sys­tem. Das Mus­ter läuft schnel­ler ab als jede bewusste Ent­schei­dung und ver­än­dert es sich nicht dadurch, dass du es ver­stehst, ana­ly­sierst oder dir gute Vor­sätze vor­nimmst.

Wenn du diese Grund­lage noch nicht kennst, lohnt es sich, zuerst dort ein­zu­stei­gen: Warum Ver­ste­hen bei Über­ver­ant­wor­tung nicht reicht und Wie Ver­än­de­rung bei Über­ver­ant­wor­tung wirk­lich aus­sieht.

Hier geht es jetzt um den nächs­ten Schritt: Was kon­kret wirkt – und warum.

Was bis­her fehlt: eine bestimmte Fähig­keit, nicht nur das Wis­sen über dein Muster

Viele Men­schen, die sich mit Über­ver­ant­wor­tung beschäf­ti­gen, kom­men irgend­wann an die­sen Punkt. Ich ver­stehe doch das alles. Und trotz­dem ändert sich nichts Wesent­li­ches.

Das liegt daran, dass Wis­sen und Fähig­keit zwei ver­schie­dene Dinge sind.

Du kannst wis­sen, wie man schwimmt und trotz­dem nicht schwim­men kön­nen. Du kannst wis­sen, dass du in einer Situa­tion anders reagie­ren willst und in genau die­ser Situa­tion wie­der genauso reagie­ren wie immer.

Wis­sen hilft beim Ver­ste­hen. Aber im ent­schei­den­den Moment brauchst du eine Fähig­keit.

Die Fähig­keit, die bei Über­ver­ant­wor­tung fehlt, ist Selbst­re­gu­la­tion. Selbst­re­gu­la­tion ist eine Fähig­keit, die du trai­nie­ren kannst. Je öfter du sie übst, desto zuver­läs­si­ger funk­tio­niert sie auch in schwie­ri­gen Momenten.

Was Selbst­re­gu­la­tion bei Über­ver­ant­wor­tung kon­kret bedeutet

Selbst­re­gu­la­tion wird oft miss­ver­stan­den. Viele den­ken dabei an Atem­übun­gen, Ent­span­nungs­tech­ni­ken oder daran, sich in schwie­ri­gen Momen­ten zu beru­hi­gen.

Das greift für mich viel zu kurz.

Selbst­re­gu­la­tion bedeu­tet bei Über­ver­ant­wor­tung etwas Prä­zi­ses: die Fähig­keit, in einem akti­vier­ten Zustand hand­lungs­fä­hig zu blei­ben.
Also in dem Moment, in dem das Mus­ter aktiv wird nicht sofort in die auto­ma­ti­sche Reak­tion zu kip­pen. Son­dern einen Moment bei dir zu blei­ben, inne­zu­hal­ten und wahr­zu­neh­men, was pas­siert. Und dann bewusst zu ent­schei­den.

Das klingt doch eigent­lich gar nicht so schwie­rig, oder? In der Pra­xis ist es die anspruchs­vollste Stelle im gesam­ten Ver­än­de­rungs­pro­zess.

Denn in die­sem Moment ist dein Wis­sen nicht ver­füg­bar. Der prä­fron­tale Kor­tex – der Teil dei­nes Gehirns, der plant, ent­schei­det und abwägt – ist in star­ker Akti­vie­rung des Ner­ven­sys­tems nicht die oberste Instanz. Dein Ner­ven­sys­tem ist ein­fach schnel­ler.

Des­halb greift dort keine Tech­nik, die du dir vor­her über­legt hast. Was greift, ist Regu­la­ti­ons­fä­hig­keit, und die ist nicht situa­tiv abruf­bar, wenn sie nicht vor­her auf­ge­baut wurde.

Der Unter­schied zwi­schen Selbst­re­gu­la­tion und Regulationskompetenz

Hier lohnt sich eine Unter­schei­dung, die in der Pra­xis viel aus­macht.

Selbst­re­gu­la­tion beschreibt den kon­kre­ten Vor­gang: was du tust, wenn Akti­vie­rung ent­steht und du sie steu­erst. Das ist situa­tiv, also in die­sem Moment, in die­ser Situa­tion.

Regu­la­ti­ons­kom­pe­tenz ist das, was dahin­ter liegt: das auf­ge­baute Bün­del aus Kör­per­wahr­neh­mung, Erfah­rung und neu­ro­na­ler Bah­nung, das dir ermög­licht, in schwie­ri­gen Momen­ten über­haupt regu­lie­ren zu kön­nen.
Sie ist nicht situa­tiv, son­dern kumu­la­tiv. Das heißt, sie ent­steht über die Zeit. Durch wie­der­holte neue Erfah­run­gen, durch Trai­ning der Wahr­neh­mung, durch Momente, in denen du anders reagiert hast und erlebt hast, dass das mög­lich ist.

Regu­la­ti­ons­kom­pe­tenz ist das, was Selbst­re­gu­la­tion im ent­schei­den­den Moment mög­lich macht.

Die gute Nach­richt ist: Du kannst sie trai­nie­ren. Neu­ro­bio­lo­gisch ist das gut erforscht. Das Ner­ven­sys­tem lernt, es lernt aber anders als der Ver­stand. Nicht kogni­tiv durch Wis­sen und Ein­sicht, son­dern durch Wie­der­ho­lung, durch dei­nen Kör­per, durch neue Erfah­run­gen unter Aktivierung.

Warum das mehr ver­än­dert als jeder gute Vorsatz

Wenn Regu­la­ti­ons­kom­pe­tenz auf­ge­baut ist, ver­än­dert sich etwas Grund­le­gen­des: Du reagierst nicht mehr nur dann anders, wenn du dich gut vor­be­rei­tet hast oder gerade beson­ders wach­sam bist.

Du reagierst anders, weil dein Ner­ven­sys­tem durch Wie­der­ho­lung gelernt hat, dass diese Situa­tion keine reale Bedro­hung ist und des­halb nicht mehr auto­ma­tisch in die alte auto­ma­ti­sche Schutz­re­ak­tion geht.

Das ist der Unter­schied zwi­schen jeman­dem, der weiss, dass er Nein sagen sollte – und jeman­dem, der Nein sagen kann, auch wenn hin­ter­her die Schuld­ge­fühle kom­men, auch wenn die andere Per­son irri­tiert reagiert oder wenn die alte Anspan­nung kurz wie­der hoch­kommt.

Über­ver­ant­wor­tung ver­än­dert sich nicht durch den rich­ti­gen Vor­satz. Sie ver­än­dert sich, wenn das Ner­ven­sys­tem gelernt hat, dass ein ande­rer Zustand mög­lich und sicher ist. Das ist Regu­la­ti­ons­kom­pe­tenz. Das unter­schei­det Selbst­re­gu­la­tion als auf­bau­bare Fähig­keit von einem Blick auf Selbst­re­gu­la­tion als reine Technik.

Was das für dei­nen nächs­ten Schritt bedeutet

Wenn du dich in die­sem Arti­kel wie­der­erkennst und weißt, dass Ver­ste­hen allein bei dir nichts ver­än­dert hat, dann ist Regu­la­ti­ons­kom­pe­tenz der Punkt, an dem es sich lohnt, wei­ter­zu­ma­chen. Wie das kon­kret geht, wird Thema der nächs­ten Arti­kel in die­ser Reihe.

Portrait Marion Wandke

Marion Wandke

Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.

Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.

Mehr über mich und meine Arbeit findest du auf meiner „Über-mich“-Seite.