Über­ver­ant­wor­tung ändern: Wie Ver­än­de­rung wirk­lich verläuft

Die Frage, mit der viele mei­ner Kli­en­tin­nen zu mir kom­men, lau­tet: Was kann ich jetzt kon­kret tun?“ Die Frage ist ver­ständ­lich. Sie kommt aus einer ech­ten Erschöp­fung, aus dem Wunsch, dass sich end­lich etwas ändert. Und sie kommt oft von Men­schen, die schon viel gele­sen, viel nach­ge­dacht und viel ver­sucht haben.

Die ehr­li­che Ant­wort ist: Wer bei Über­ver­ant­wor­tung mit der Hand­lungs­frage beginnt, setzt an der fal­schen Stelle an.

Das klingt zunächst unbe­frie­di­gend und es wider­spricht dem, was viele Rat­ge­ber ver­spre­chen: zehn Tipps, drei Übun­gen, eine Methode. Pro­blem gelöst.

Diese Ange­bote gibt es, weil sie sich gut ver­kau­fen und nicht weil sie bei Über­ver­ant­wor­tung beson­ders trag­fä­hig sind.

Mir reicht das nicht. Mein Ziel ist es, dass sich bei per­sön­li­cher Ent­wick­lung etwas nach­hal­tig ver­än­dert.

In mei­ner Arbeit folge ich einem Pro­zess, der in auf­ein­an­der auf­bau­en­den Pha­sen ver­läuft. Jede Phase hat ihre eigene Auf­gabe, ihre eigene Her­aus­for­de­rung und ihren eige­nen Gewinn. Und keine Phase lässt sich über­sprin­gen, ohne dass der Pro­zess spä­ter stockt.

In die­sem Arti­kel beschreibe ich, wie Ver­än­de­rung bei Über­ver­ant­wor­tung tat­säch­lich aus­sieht. Nicht als Methode zum Nach­ma­chen, son­dern als Ori­en­tie­rung dar­über, was dich auf die­sem Weg erwar­tet.

Wenn du noch nicht gele­sen hast, warum Wis­sen und Ein­sicht bei die­sem Mus­ter nicht genü­gen, fin­dest du die Grund­lage dafür in einem vor­ge­la­ger­ten Arti­kel: 👉 Warum Ver­ste­hen bei Über­ver­ant­wor­tung nicht reicht.

Die 5 Pha­sen der Ver­än­de­rung bei Überverantwortung

Phase 1:
Ori­en­tie­rung – wo stehst du wirklich?

Bevor Ver­än­de­rung begin­nen kann, braucht es einen ehr­li­chen Blick auf den Aus­gangs­punkt.

Das ist nicht das­selbe wie das Mus­ter erken­nen“. Viele Frauen, die in ein Coa­ching kom­men, sagen zu Beginn: Ich weiß, dass ich viel zu viel Ver­ant­wor­tung über­nehme.“ Das ist der kogni­tive Ein­stieg und der alleine reicht nicht. Ori­en­tie­rung bedeu­tet, kon­kre­ter zu wer­den.

Wann genau zeigt sich das Mus­ter in dei­nem Leben? In wel­chen Bezie­hun­gen, in wel­chen Situa­tio­nen, gegen­über wel­chen Men­schen? Wie fühlt es sich an, bevor du ein­springst – und wie danach? Wel­che Funk­tion hat das Mus­ter ein­mal gehabt, und wel­che hat es heute noch?

Diese Fra­gen klin­gen ein­fach, aber sie sind es nicht. Wer sich ehr­lich auf sie ein­lässt, merkt schnell, wie viel Wis­sen vor­han­den ist – und wie wenig davon tat­säch­lich als Erfah­rung spür­bar ist.

Das ist ein not­wen­di­ger Zwi­schen­schritt: Wis­sen in Wahr­neh­mung zu über­set­zen.

In die­ser Phase ent­steht auch die Rich­tung für das, was kommt. Nicht jede Kli­en­tin, die mit dem Thema Über­ver­ant­wor­tung kommt, hat das­selbe Ziel. Die eine möchte in der Fami­lie weni­ger Last tra­gen, die andere im Beruf mehr dele­gie­ren kön­nen, die dritte in einer Part­ner­schaft end­lich den Raum für sich selbst ein­for­dern, den sie zu lange abge­ge­ben hat.

Die Rich­tung zu klä­ren, zeigt uns, wor­auf sich die Arbeit dann konzentriert.

Phase 2:
Wahr­neh­mung – die inne­ren Signale lesen lernen

Bevor etwas regu­liert wer­den kann, muss es bemerkt wer­den.

Das ist die Phase, die viele unter­schät­zen und die genau des­halb oft den eigent­li­chen Rich­tungs­wech­sel bringt. Über­ver­ant­wor­tung ist selbst eine Form des Weg­schau­ens vom eige­nen Sys­tem. Wer stän­dig auf andere ach­tet, auf Stim­mun­gen, auf mög­li­che Bedürf­nisse, auf das, was gerade gebraucht sein könnte, des­sen Auf­merk­sam­keit ist per­ma­nent nach außen gerich­tet. Die eige­nen Kör­per­si­gnale blei­ben dabei unter der Wahr­neh­mungs­schwelle.

Hier beginnt die Arbeit an der Wahr­neh­mung.

Das Ner­ven­sys­tem sen­det stän­dig Signale. Ein Zie­hen im Bauch, wenn jemand um etwas bit­tet. Eine Anspan­nung in den Schul­tern, wenn jemand genervt wirkt. Ein leich­tes Enge­ge­fühl in der Brust, wenn ein Kon­flikt sich andeu­tet. Innere Unruhe, bevor du das Ja aus­ge­spro­chen hast.

Diese Signale sind schnel­ler als jeder Gedanke und sie zei­gen dir, wann das Mus­ter aktiv wird.

Anna, die Kli­en­tin, die ich im vor­he­ri­gen Arti­kel beschrie­ben habe, brauchte meh­rere Wochen in die­ser Phase. Sie kam zunächst mit dem Satz: Ich spüre nichts.“ Das stimmte so nicht wirk­lich. Sie spürte viel, aber sie hatte nie gelernt, die Signale zu lesen, weil sie sie ihr gan­zes Leben lang über­gan­gen hatte.
In der gemein­sa­men Arbeit wurde schritt­weise als Wahr­neh­mung sicht­bar, was schon längst da war: ein enger Atem in bestimm­ten Gesprächs­si­tua­tio­nen, eine Span­nung im Nacken vor Anru­fen ihrer Mut­ter und ein leich­tes Zie­hen im Magen, wenn eine Bitte im Raum stand und sie eigent­lich Nein sagen wollte.

Wahr­neh­men ist kein Denk­pro­zess. Es ist eine Fähig­keit, die sich durch wie­der­holte Auf­merk­sam­keit ent­wi­ckelt. Und es ist die Vor­aus­set­zung für alles, was danach kommt.

In die­ser Phase arbeite ich mit kon­kre­ten Ansatz­punk­ten, die im All­tag Wahr­neh­mung mög­lich machen. Einen Ein­stieg dazu fin­dest du im Arti­kel Über­ver­ant­wor­tung – 5 Ansatz­punkte für mehr Klar­heit.

Phase 3:
Die Fähig­keit, im schwie­ri­gen Moment innezuhalten


Und das ist der Wen­de­punkt im Pro­zess. Alles, was du davor auf­ge­baut hast, kommt hier zusam­men – und alles, was danach folgt, hängt davon ab.

Der schwie­rige Moment ist der Moment der Akti­vie­rung. Die Bitte steht im Raum. Das Tele­fon klin­gelt. Der Blick dei­ner Mut­ter wird distan­ziert oder ver­letzt. Dein Kol­lege wirkt ange­spannt. In die­sem Moment kommt die alte Reak­tion hoch: über­neh­men, glät­ten, ein­sprin­gen, Ja sagen. Und genau in die­sem Moment ent­schei­det sich, ob das Mus­ter abläuft oder ob etwas ande­res mög­lich wird.

Hier reicht weder Ein­sicht noch guter Wille. Hier greift nur Regu­la­tion.

Regu­la­tion bedeu­tet: Du spürst die Anspan­nung und han­delst nicht sofort danach. Du spürst das Zie­hen im Bauch, wenn jemand etwas von dir erwar­tet, und springst nicht sofort ein. Du spürst die Schuld­ge­fühle beim Nein-Sagen und bleibst trotz­dem beim Nein. Du spürst das Unbe­ha­gen, wenn du nicht hilfst, und machst das Gefühl nicht sofort weg.

Das klingt ein­fach, ist aber in der Pra­xis die anspruchs­vollste Phase.

Bei Anna war die­ser Moment beim nächs­ten Anruf ihrer Mut­ter. Sie hatte in der Vor­ar­beit gelernt, die Anspan­nung zu bemer­ken. Aber als ihre Mut­ter tat­säch­lich anrief und von ihren Sor­gen erzählte, geriet Anna in genau die alte Akti­vie­rung – Brust­korb eng, Atem flach, der ver­traute Sog zum Mit­füh­len, Mit­tra­gen, Mit­ver­ant­wor­ten. Das erste Mal gelang es ihr nicht. Sie rutschte ins alte Mus­ter zurück, legte auf, war erschöpft und sehr ent­täuscht von sich selbst.



Was Anna in die­ser Phase gelernt hat, war nicht, die Akti­vie­rung zu ver­mei­den, denn das geht nicht.
Was sie gelernt hat: In der Akti­vie­rung wahr­zu­neh­men, was in ihr vor­geht. Und dann schritt­weise bei sich zu blei­ben und nicht sofort zu han­deln.

Beim drit­ten, vier­ten, fünf­ten Mal gelingt es ihr immer­hin, einen Moment spä­ter zu ant­wor­ten. Beim zehn­ten Mal gelingt es, bei der eige­nen Grenze zu blei­ben, obwohl die Schuld­ge­fühle ganz schön stark waren.

Du siehst, das war kein spek­ta­ku­lä­rer Durch­bruch. Es war eine lang­same Ver­än­de­rung an einer Stelle, an der vor­her alles auto­ma­tisch abge­lau­fen ist.

Phase 4:
Neue Erfah­rung – was sich wie­der­ho­len muss

Eine ein­zelne andere Reak­tion, die dir gelingt, ver­än­dert das Mus­ter noch nicht.

Das Ner­ven­sys­tem lernt durch Wie­der­ho­lung und es lernt lang­sa­mer als der Ver­stand. Wer ein­mal anders reagiert hat und erwar­tet, dass das Mus­ter damit erle­digt ist, erlebt im nächs­ten ver­gleich­ba­ren Moment oft einen Rück­schlag.

Aber jedes Mal macht dein Ner­ven­sys­tem die Erfah­rung: Es ist viel­leicht unan­ge­nehm, aber ich kann damit umge­hen. Auch wenn die andere Per­son ent­täuscht reagiert, auch wenn die Schuld­ge­fühle kom­men.
Du lernst, dass du das aus­hal­ten kannst und dass es wie­der vor­bei­geht.

Das braucht Zeit, rea­lis­tisch gese­hen meh­rere Monate. Oft auch län­ger, abhän­gig davon, wie tief das Mus­ter ver­an­kert ist und wie oft du in einem regu­lier­ten Zustand üben kannst.

In die­ser Phase wer­den auch die Nach­wir­kun­gen sicht­bar. Nach­dem du anders reagiert hast, kommt oft eine Welle: Zwei­fel, Schuld­ge­fühle, der Impuls, sich zu ent­schul­di­gen oder nach­träg­lich doch noch Ja zu sagen.

Diese Nach­wir­kun­gen gehö­ren dazu. Wie du mit ihnen umgehst, ent­schei­det mit dar­über, ob die neue Erfah­rung sich ver­an­kert oder wie­der ver­lo­ren geht.

Phase 5:
Inte­gra­tion – wenn sich das Mus­ter ver­än­dert hat

Wann ist Über­ver­ant­wor­tung tat­säch­lich ver­än­dert?

Nicht dann, wenn du ein­mal Nein gesagt hast, du eine tolle Ein­sicht hat­test oder wenn du einen guten Vor­satz gefasst hast.

Ver­än­dert ist das Mus­ter dann, wenn es im All­tag nicht mehr die erste Reak­tion ist. Wenn das Nein genauso leicht fällt wie das Ja. Wenn du dich selbst anders erlebst als jemand, der gesunde Ver­ant­wor­tung über­nimmt, ohne groß dar­über nach­den­ken zu müs­sen.

Diese Phase ist weni­ger spek­ta­ku­lär als die vor­he­ri­gen. Sie ist eine Phase, wo sich das Ganze setzt und sta­bi­li­siert und es in dei­nem All­tag eher unaf­fäl­lig ist.

Und sie ist der Punkt, an dem viele mei­ner Kli­en­tin­nen rück­bli­ckend sagen: Ich habe gar nicht gemerkt, wie viel sich ver­än­dert hat, bis meine Freun­din mich dar­auf auf­merk­sam gemacht hat.“ Oder: Ich bin neu­lich bei einer Bitte ein­fach ruhig geblie­ben und habe Nein gesagt, ein­fach so, ohne Hadern mit mir selbst. Das war vor einem Jahr undenk­bar.“

In die­ser Phase wer­den auch die Wur­zeln der Über­ver­ant­wor­tung anders sicht­bar. Die frü­hen Erfah­run­gen, aus denen das Mus­ter ent­stan­den ist, sind noch da, aber sie bestim­men nicht mehr, wie du heute reagierst.

Was das für dei­nen Weg bedeutet

Ver­än­de­rung bei Über­ver­ant­wor­tung ist kein Pro­gramm. Sie ist ein Pro­zess, der in dei­nem eige­nen Rhyth­mus ver­läuft und den du nicht beschleu­ni­gen kannst.

Die­ser Pro­zess braucht Zeit – und die bringst du mit.
Er braucht die Fähig­keit, deine inne­ren Signale wahr­zu­neh­men – und die lässt sich ent­wi­ckeln.
Und er braucht die Fähig­keit, dich in schwie­ri­gen Momen­ten zu regu­lie­ren.

Genau daran schei­tern die meis­ten Ver­su­che, Über­ver­ant­wor­tung zu ver­än­dern. Denn ohne Regu­la­tion kann dein Ner­ven­sys­tem kein neues Ver­hal­ten ler­nen, egal wie gut du das Mus­ter ver­stan­den hast.

Was Selbst­re­gu­la­tion kon­kret bedeu­tet und wie du diese Fähig­keit auf­bauen kannst, beschreibe ich im nächs­ten Arti­kel: Über­ver­ant­wor­tung ver­än­dern: Selbst­re­gu­la­tion ist dein Hebel.

Portrait Marion Wandke

Marion Wandke

Seit über 15 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, wie Menschen in komplexen Lebensphasen innerlich klar und handlungsfähig bleiben können. Mich interessieren besonders die Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Körperwahrnehmung – dort, wo Selbstregulation gefordert ist.

Ich arbeite heute als Resilienz-Coachin mit Fokus auf humanistischer Psychologie und Psychotherapie, Neurowissenschaften und Embodiment. Mein Schwerpunkt liegt auf Selbstführung und Selbstregulation als Schlüsselkompetenz. Ich bin überzeugt, dass echte innere Stärke aus Klarheit, Werteorientierung und Selbstführung entsteht.

Mehr über mich und meine Arbeit findest du auf meiner „Über-mich“-Seite.